Die eine Sache

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„Entschuldigen Sie bitte…. Sie da oben! Entschuldigung…. ENTSCHULDIGUNG!“

„WAAAAAAS?!“

„Ähm, können Sie mir bitte sagen, wo die nächste U-Bahn ist? Oder S-Bahn? Oder Trambahn… Es ist völlig egal. Ich brauche einfach nur eine Möglichkeit, von hier wegzukommen.“

„Ich habe keine Ahnung und jetzt verschwinden Sie sofort! Ich bin mitten in einer Sache.“

„Ich sehe, dass sie mitten in einer Sache sind und ich möchte Sie auch gar nicht stören…“

„Dann tun Sie es nicht! Gehen Sie!“

„Liest du gern?“

„Wie bitte?“

„Ich fragte, ob du gern liest!“

„Soll das ein Scherz sein? Und seit wann sind wir per du?“

„Kennst du Curtis Sittenfeld? Wahrscheinlich nicht. Sie ist nicht besonders berühmt….“

„Was willst du mir sagen?“

„Sie hat ein Buch geschrieben. Das heißt „Eine Klasse für sich“. Das ist ein ziemlich blöder Titel, meiner Meinung nach. Im Original heißt es „Prep“, Privat-Highschool…“

„Oh Gott, komm zum Punkt, verdammte Scheiße!“

„In dem Buch geht es um die Außenseiterin Lee, die sich in einer Schule voller privilegierter Kinder zurecht finden muss. Sie ist faul und kommt deshalb in den meisten Fächern nicht mit. Sie ist nicht besonders hübsch, hat keine richtigen Freunde… Kennst du „Der Fänger im Roggen“? Sie ist ein bisschen wie Holden Caulfield…“

„Lieber Gott, bitte erlöse mich!“

„Stopp! Hör auf! Fleh nicht zu Gott! Spring bitte nicht!“

„WAAAAS?“

„Bitte spring nicht runter! Was auch immer das ist, was dich unglücklich macht. Das Leben hat mehr zu bieten. Und du, du kannst vielmehr als du für möglich hälst… Weißt du, wie Lee in diesem Buch, von dem ich gerade gesprochen habe. Sie ist eine graue Maus, sie kann nicht viel, es gibt nicht viele Leute, denen sie etwas bedeutet. Aber eines Tages hat sie es geschafft, einer Freundin das Fahrrad fahren beizubringen, was keiner zuvor geschafft hat. Weißt du, wie glücklich sie dann war? Und auch du wirst etwas können, was niemand vor dir gekonnt hat. Du musst nur herausfinden, was das ist…“

„Dann bin ich glücklich, denkst du?“

„JAAA! Das wirst du sein. Und jetzt komm bitte runter!“

„Ooooookeeeeeeee!“

„AAAAAAAAAAAH….. OOOOOH MEEEEEEIIIIIN GOOOOOOTT! Oh…. Oh!“

„Hahahahahahaha!“

„Wie? Was?“

„HAHAHAHAHAHAHA!“

„Wo kommt ihr denn auf einmal her? Ihr bescheuerten Typen! Findet ihr das witzig?“

„Ja! Von einer Brücke zu springen ist ziemlich witzig! Willst du probieren?“

„NEIN! Ihr seid nicht mal professionell. Du hättest darauf gehen können!“

„Ja, aber wir haben etwas geschafft, was niemand vor uns geschafft hat: Dir Todesangst einzujagen. Aber Moment, wahrscheinlich stimmt das gar nicht. Du bist ziemlich leicht zu verängstigen…“

„Das ist überhaupt nicht wahr!“

„Hahahaha!“

„Ok, ich gehe jetzt! Dann könnt ihr euch gegenseitig beim Sterben zusehen!“

„Tschüss!“

„…“

„Halt!“

„Was?“

„Du hattest echt keine Ahnung, oder?“

„Wovon?“

„Zur U-Bahn geht´s da lang!“

„… Danke!“

„Es tut mir leid, dass du Angst hattest!“

„…“

„Für jemanden, der wildfremde Leute „retten“ will, bist du nicht sehr gesprächig. Naja, sicher ist dir jetzt peinlich, dass du dich zum Vollidioten gemacht hast, aber du hast etwas Nettes gemacht. Lieber ein netter Vollidiot als…“

„TSCHÜSS!“

„Auf Wiedersehen!“

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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