Sehnsucht

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Du sitzt in der Küche und schneidest Avocado. Du strahlst mich an, als ich durch die Tür hereinkomme. „Wie war dein Tag?“, fragst du während du mit ausgebreiteten Armen auf mich zukommst. Deine Stimme ist sanft und warm. Deine Umarmung ist sanft und warm. Deine Augen und deine Lächeln lassen mich den Rest der Welt vergessen. Mein Tag war anstrengend, alles lief schief. Aber jetzt, jetzt ist alles perfekt.

Wir gehen spazieren. Es ist eine warme, klare Nacht. Der sanfte Wind kitzelt meinen Nacken, du hälst meine Hand. „Wo hast du am liebsten gelebt?“, frage ich dich. „Hier!“, antwortest du. „Aber ich muss nicht für immer hier bleiben. Wir können überall hin, so lange wie wir nur wollen.“ Es gefällt mir, dass du wir sagst. Und mit dir würde ich überall hin, mit dir würde ich überall leben.

Wir gehen ins Kino und sehen uns einen Film an, der im Grunde ziemlich lustig ist, aber wie immer lasse ich mich von kleinen Details berühren und weine die ganze Zeit. Das ist die Art von Filmen, die ich mir nie allein ansehen will, weil ich nicht mit meinen Tränen allein sein möchte. Aber jetzt bist du da und es fühlt sich wunderbar an, einen Gefährten zu haben, der versteht, warum ich weine und der das alles auch rührend findet.

Wir sind in einem Club mit all unseren Freunden. Wir haben eine wahnsinnig gute Zeit. Zu viel getrunken, zu viel getanzt, zu viel gelacht, dass unsere Stimme heiser wurde. Du trägst mich zum Taxi und legst deinen Arm um mich. Ich lege meinen Kopf auf deine Schulter. Wir fahren in der dunklen Nacht nach Hause. John Mayer singt leise aus dem Radio, die Lichter auf den Straßenseiten huschen an uns vorbei. Du streichelst eine Haarsträhne aus meinem Gesicht und flüsterst leise: „Wir sind da.“ Wir stolpern lachend zur Tür. Und zum tausendsten Mal frage ich, wann unser Avocadobaum Früchte tragen wird. Du antwortest nicht und schüttelst nur lächelnd mit dem Kopf.

Am nächsten Tag wachst du mit Kopfschmerzen auf und ich bringe dir Frühstück ans Bett. Wir verbringen den ganzen Sonntag faul und jammernd zu Hause. Das sind meine Lieblingstage. Es folgen unzählige Sonntagmorgen und Sonntagabende und ich habe trotzdem das Gefühl, dass ich davon gar nicht genug bekommen kann.

„Ihr Ticket bitte!“

„…“

„Hallo? Ihr Ticket bitte!“

„Oh… Entschuldigen Sie bitte, ich war in Gedanken!“

„Ja, das habe ich gemerkt.“

„Hier ist das Ticket.“

„Danke sehr. Gute Reise wünsche ich!“

„Warten Sie bitte!“

„Ja?“

„Können Avocadobäume in Deutschland Früchte tragen?“

„Wie bitte?“

„Ach vergessen Sie es!“

„Auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen!“

Draußen ziehen Häuser und Bäume an mir vorbei. Ich sehe wieder dein Gesicht vor mir. Doch diesmal kehren meine Tagträume nicht zurück. Es gibt kein „Wie war dein Tag?“, keinen Spaziergang zu zweit, keine berührende Kinomomente, keine Taxifahrt, keinen gemeinsamen Weg nach Hause, keinen Sonntagmorgen, keinen Avocadobaum und keine Avocado. Aber es hätte alles werden können. Es hätte alles werden können.

Und mein Magen schmerzt bei dem Gedanken, dass alles niemals sein wird.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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