Die Angst der Geisteswissenschaftler und wie man diese überwindet

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Seit über sieben Jahren lebe ich in Berlin und ich kann mich an kein einziges Jahr erinnern, in dem ich mich entspannt zurücklehnen und die Freizeit genießen kann. Berlin hält mich auf Trab. Es gibt immer irgendetwas zu tun, irgendein Projekt, irgendeine Prüfung. Es heißt nicht, dass es schlecht ist, denn ich liebe die Herausforderung und ich versuche stets, mich weiterzuentwickeln. Aber nun ist wahrscheinlich die größte Prüfung in meinem Erwachsenenleben gekommen und ich spüre, wieviel Angst sie mir einjagt. Diese Prüfung ist nämlich, den Masterabschluss zu schaffen und den ersten Job zu finden. Ich stehe vor einer der größten Veränderungen meines Lebens und es gibt keine Garantie, dass sich alles zum Guten wendet. Es gibt Tage, an denen ich mich wahnsinnig darauf freue und kaum erwarten kann, herauszufinden, welche aufregende Überraschung das Leben für mich bereit hält. Aber es gibt auch Tage, an denen ich frustriert, verzweifelt und deprimiert bin, weil ich mit dem Schreiben nicht voran komme, weil ich eine Absage für meine Bewerbung bekommen habe, weil meine Nebenjobs an meinen Kräften zehren und mich nicht bereichern, weil ich wieder nicht dazu gekommen bin, etwas für mich zu tun. All diese negativen Gefühle und Gedanken kommen immer dann, wenn ich flach im Bett liege, weil die ganzen Belastungen mich zu sehr erschöpfen und ich den Glauben an mich selbst verliere.

Ein Blick in die Statistik verrät mir, dass meine Chancen schlecht liegen, tatsächlich einen gut bezahlten Job in meinem Bereich zu finden: Laut Spiegel Online steht nur jeder achte Geisteswissenschaftler fest im Arbeitsleben, von den Berufseinsteigern empfinden nur 28 % ihren Job als angemessen und nur 19 % sind mit ihrem Gehalt zufrieden. Mittlerweile bewerbe ich mich schon weltweit und sogar für fachfremde Gebiete. Was ich jedoch bis jetzt zurück bekommen habe, waren entweder nur Absagen oder Bitten um Geduld. Manche Unternehmen reagieren sogar gar nicht. Die Sorge und der Frust wachsen. Manchmal liege ich nachts schlaflos im Bett und male mir eine düstere Zukunft aus.

Als ich mich für meinen Bachelorstudiengang Kulturwissenschaften und auch als ich mich für meinen Masterstudiengang Vergleichende Literatur- und Kunstwissenschaft entschieden habe, war mir bewusst, dass ich eines Tages vor diesem Problem stehen würde. Ich habe während meines Studiums Praktika in großen, bekannten Unternehmen und sogar im Ausland absolviert, um Erfahrungen zu sammeln und meinen Lebenslauf attraktiver zu machen. Auch wenn die Praktika nicht vergütet waren, tröstete ich mich mit dem Gedanke, dass all das meiner persönlichen Entfaltung dient und Geld nur eine Nebenrolle spielt. Letztendlich stehe ich ich vor den Fragen, ob ich zu realitätsfremd bin und mich selbst auf den Arm genommen habe.

Nachdem ich einige Tage meinen Kopf in den Sand gesteckt habe, stand ich auf und schmierte neue Pläne. Ich wusste, dass es vielen Leuten wie mir geht und auch, dass es für alles eine Lösung gibt. Schließlich heißt es ja: Am Ende wird alles gut und wenn es nicht gut ist, ist es auch nicht das Ende. Ich fing an, mich zu fragen, was ich wirklich will und was ich tun kann, um diese Ziele zu erreichen. Dies kam dabei heraus:

Was will ich?

1. Ich möchte meine Masterarbeit in Ruhe fertig schreiben.

2. Ich möchte einen Job finden, der mir Spaß macht und von dem ich leben kann.

Was muss ich dafür tun, um das zu erreichen?

Zu 1. Ich habe erkannt, dass ich die Masterarbeit niemals fertig bekommen würde, wenn  es weiterhin so viele Ablenkungen gibt. Was sind diese Ablenkungen? Es sind meine Nebenjobs, der Gedanke, endlich wieder etwas für meinen Blog tun zu müssen, soziale Verpflichtungen, das Internet… Schließlich habe ich mich dazu entschieden, für die letzten Monate meines Studiums auf Geld zu verzichten und nicht mehr arbeiten zu gehen, um Zeit zu sparen und nicht mehr unter Erschöpfung zu leiden. Was meinen Blog angeht, habe ich mir selbst erlaubt, mich einmal pro Woche damit zu beschäftigen. Verabredungen mache ich ebenfalls nur noch einmal pro Woche und zwar nur mit Menschen, die mir gut tun und mir nahe stehen. Einmal am Tag darf ich mich für eine halbe Stunde Twitter, Instagram und Facebook etc. widmen, danach gibt es absolutes Verbot. Von Sonntag bis Freitag arbeite ich jeden Tag acht Stunden an meiner Masterarbeit, gehe pünktlich ins Bett und stelle mir einen Wecker, damit ich am nächsten Tag pünktlich aufstehen und weitermachen kann. Wenn ich in der Zeit zum Yoga oder in die Schauspielschule gehe, muss ich die fehlende Zeit nachholen.

Zu 2.  Ich nehme mir von Sonntag bis Freitag jeden Tag zwei bis drei Stunden Zeit, um mich um die Jobsuche zu kümmern. In Jobportalen wie StepStones, monster oder indeed suche ich nach Stellen in Bereichen, die meinen Fähigkeiten und Interessen entsprechen. Um Zeit zu sparen, schreibe ich in eine Excel-Tabelle ehrliche, überzeugende Sätze zu meinen Erfahrungen sowie Qualitäten und füge in das Anschreiben die jeweiligen Erfahrungen und Qualitäten zusammen, die zu einem bestimmten Job passen. Natürlich muss ich auch immer etwas ergänzen oder umschreiben, damit die Bewerbungen individuell und authentisch wirken. Um fatale Fehler zu vermeiden, lasse ich sie immer von jemandem korrigieren, der in Grammatik und Rechtschreibung fit ist. Wenn ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werde, bereite ich mich gründlich vor, um selbstbewusst  und positiv zum Termin zu erscheinen. Ich gebe also mein Bestes, um mein Ziel zu erreichen.

Was könnte ich tun, wenn ich trotzdem keinen Erfolg in der Jobsuche habe?

Nach dem Studium sofort einen Job zu finden ist sehr wichtig, aber wenn es nicht klappt, geht die Welt auch nicht unter. Dies mir selbst klar zu machen, hat mir schließlich geholfen, ruhiger zu sein und effektiver zu arbeiten.

Doch was kannst du machen, wenn du nach dem Abschluss noch keinen Arbeitsvertrag unterschrieben hast? Hier sind ein paar Vorschläge:

1. Dich als arbeitslos melden und in aller Ruhe den richtigen Job finden. Es ist zwar blöd, auf soziale Hilfe angewiesen zu sein, aber damit ist der Lebensunterhalt gesichert und du hättest theoretisch die Zeit, um dich auf die Bewerbung zu konzentrieren und evtl. das zu machen, was du schon immer machen möchtest, wofür aber die Zeit gefehlt hat, zum Beispiel malen, Geschichten schreiben, fotografieren, einen Sprachkurs absolvieren oder das Programmieren lernen etc.

2. Ein freiwilliges soziales/kulturelles Jahr machen. Diese Stellen werden vergütet, du würdest etwas Gutes tun und sammelst dazu noch Erfahrungen, die nicht nur für den Lebenslauf, sondern auch für die persönliche Entwicklung gut sind.

3. Ins Ausland gehen. Wenn du etwas Geld gespart hast, könntest du dir eine Welt- oder Europareise gönnen, aber du könntest auch im Ausland als Au Pair, auf der Farm, als Animateur oder Tauchlehrer etc. arbeiten. Mit etwas Mut und viel Recherchen findet jeder einen passenden Job.

4. Ein Unternehmen gründen. Wenn du schon lange eine Idee hast, die du realisieren willst, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Hilfe findest du im Existenzgründungsportal und mit Crowdfunding könntest du die ersten finanziellen Hürden überwinden.

5. Als Freiberufler arbeiten. Bist du gut darin, Texte zu verfassen oder Fotos zu schießen? Dann könntest du diese an Firmen verkaufen und einen Kundenstamm aufbauen. Natürlich kannst du auch mit anderen Tätigkeiten freiberuflich arbeiten. Lass dich dafür umfassend beraten und starte deinen Beruf nur noch mit der Anmeldung beim Finanzamt.

Es gibt bestimmt noch sehr viele Möglichkeiten, was AbsolventInnen nach dem Abschluss machen können. Für mich zählt jetzt jedoch erstmal, die Arbeit erfolgreich abzuschließen, um wieder ein Erfolgserlebnis zu haben. Niemand weiß, was die Zukunft bringt, aber man kann immer versuchen, das Beste zu geben, um seine Ziele zu erreichen. Und wenn man neue Pläne schmieden muss, bedeutet es nicht, dass diese schlechter sind. Etwas Trost gibt der Bericht von Spiegel Online jedoch: Geisteswissenschaftler sind direkt nach dem Abschluss nicht öfter arbeitslos als der Absolventendurchschnitt. Und auch ich habe endlich wieder etwas Glück: Ich wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen!

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

4 Kommentare zu „Die Angst der Geisteswissenschaftler und wie man diese überwindet“

  1. Als hättest du mir aus der Seele geschrieben! Exakt die gleichen Gedanken und Erfahrungen habe ich gemacht/mache ich gerade und auch eben solche Konsequenzen gezogen. Letztlich sollte und muss man einfach weiterhin positiv denken und sich erstmal darauf konzentrieren fertig zu werden. Während der Korrekturzeit der Dozenten steht mehr als genug Zeit zur Verfügung Bewerbungen nachzugehen, zumal viele Unternehemen bereits ein abgeschlossenes Studium erwarten. Ich drücke dir jedenfalls für alles die Daumen =)

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  2. Hallo Thao, dein Schreibstil ist wirklich toll! Und ich drücke auch die Daumen, was Vorsätze und Bewerbungen angeht. Hier noch ein kleiner Zeitmanagement-Tipp zu 1): Besser jeden Tag erst konzentriert an der Masterarbeit arbeiten und danach mit Facebook & Co. belohnen. So bist du frisch in den Konzentrationsphasen (morgens / nach der Mittagspause) und wenn die Konzentration nachlässt, kannst du immer noch den Rest erledigen.
    Viele Grüße, Carina

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