Ich, Anne Frank und der Minimalismus

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© Marco Castellanos

Die mit Lichterketten und Weihnachtskugeln dekorierten Straßen verraten, dass Weihnachten bereits an der Türschwelle steht. Es sind Tage, an denen man von seinen Liebsten umgeben ist, ihnen seine Dankbarkeit zeigt und mit ihnen eine besinnliche Zeit verbringt. Es ist aber auch die Zeit des Beschenkens, des Wollens, des Konsumierens und des Verschwendens. Besonders in den letzten Monaten mache ich mir viele Gedanken über die Welt, das Leben und das Glück. Nachdem ich fünf Monate auf meiner Reise nur aus dem Koffer gelebt und nichts außer meinen liebsten Menschen vermisst habe, habe ich erkannt, dass weniger zu haben mir die Chance gegeben hat, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Alltag, die Menschen und auch mich selbst besser schätzen zu lernen.

Als Jugendliche habe ich in der Schule Das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Nachdem ich im Herbst Amsterdam besucht habe, habe ich das Buch noch einmal in die Hand genommen und diesmal las ich es aus einem ganz anderen Blickwinkel. Der Gedanke, den ich dabei stets hatte, war, dass ich das Leben mit den Augen der Anne Frank sehen möchte, nämlich als das wertvollste Geschenk.

Wie oft habe ich früher vor meinem MacBook gesessen und meine Zeit mit Online-Shopping vergeudet. Es wurde krampfhaft nach dem passenden Kleid für Silvester gesucht, dann die dazu passenden Schuhe. Wenn sie angekommen waren, fiel mir dann ein, dass ich keine Tasche hatte, die mit dem Kleid gut aussah und schon landete ich wieder bei Zalando. Damit es sich richtig lohnte, hatte ich dann noch Mäntel, Jacken, Unterwäsche und Schmuck dazu bestellt. Eben eine komplett neue Garderobe, um sie später im Schrank unberührt hängen zu lassen. So ging es mir nicht nur mit Kleidung, sondern auch mit Möbeln, elektronischen Geräten, Essen. Es wurde sehr häufig zu viel bestellt oder gekocht. Das, was ich nicht gegessen hatte, landete irgendwann im Müll. Wenn ich allein zu Hause war, lief meistens Musik, das MacBook war permanent angeschaltet und ich surfte am Handy. Mit dem Taxi wurde gefahren, sich Maniküre und unnötige Kosmetikbehandlungen gegönnt, konsumiert, Geld ausgegeben. Es wurde immer mehr gewollt, mehr beansprucht und wenig wertgeschätzt.

Zu einer anderen Zeit teilte Anne Frank ein kleines Zimmer mit einem alten Arzt, der ihr nur zweimal in der Woche erlaubte, den Schreibtisch zu benutzen, was jedes mal zu einem Highlight wurde, wenn sie daran sitzen und arbeiten oder an ihrem Tagebuch schreiben durfte. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass der Krieg vorbei wäre und sie wieder in die Schule gehen und ihre Freunde wiedersehen könnte. Eines Nachts sah sie den Mond, der in seiner vollsten Pracht am Himmel hing und wünschte sich, sie könne das Fenster öffnen, um ihn zu bewundern, was sie natürlich wegen der Helligkeit des Mondes nicht tun durfte. Sie sehnte den Tag herbei, an dem sie der Nacht wieder „vom Angesicht zu Angesicht“ gegenüber stehen, den Frühling außerhalb des Hinterhauses erleben und die Sonne auf ihrer Haut spüren könnte. Zum Geburtstag bekam sie selbstgeschriebene Gedichte, Vollfettkäse, Joghurt und könnte nicht dankbarer und zufriedener gewesen sein.

Trotz täglicher Entsagung und Todesangst verlor Anne ihren Lebensmut nicht und das, was von uns mehr oder weniger als selbstverständlich gesehen wird, war alles, was sie glücklich gemacht hätte. Auch wenn der Krieg bei uns vorbei ist, gibt es auf der Welt noch unzählige Menschen, die in Elend leben. Jedes Mal, wenn ich mich dabei erwische, den Gedanke zu haben, was mir fehlen könnte, erinnere ich mich an diese Schicksale und mir wird klar, wie gut ich es habe. Es ist zudem äußerst erleichternd, nicht viel zu besitzen und zu wollen, seien es materialistische Dinge, überzogene Wünsche hinsichtlich Reichtum, Erfolg oder Macht oder aber auch zu viele halbherzige menschliche Kontakte. Das „Aufräumen“ schafft einen größeren Raum für sich selbst, um seine Persönlichkeit zu entfalten, um sich auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Erst dann wird einem klar, was man vom Leben will, was einen wirklich glücklich macht.

Wenn ihr allein seid, stellt euch vor, was ihr mitnehmen würdet, wenn ihr für ein Wochenende campen geht. Genau das ist das, was ihr auch wirklich im Leben braucht. Alles andere ist Luxus, den ihr euch vielleicht ab und zu gönnen könnt, aber auf gar keinen Fall zu zwanghafter Abhängigkeit führen sollte. Und vergesst nicht: Das Wichtigste im Leben seid ihr selbst und die Menschen, die euch lieben.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

Ein Gedanke zu „Ich, Anne Frank und der Minimalismus“

  1. Ich hab vor 4 Jahren angefangen, mein Leben und das ganze Zeug um mich zu entrümpeln, ohne dass mir bewusst war, dass das Kind einen Namen hat. Ich wollte mich einfach befreien von den ganzen angehäuften Sachen, die ich gar nicht brauche, die Platz fressen und meine Zeit. Erst vor 2 Jahren habe ich mich dann für Minimalismus interessiert und finde es einfach toll. Ich bin eine kleinere Wohnung gezogen. Ich werde das in meinen Blog, der gerade entsteht selbst noch zum Thema machen. Ebenso wie Capsule Wardrobe, was ich einfach toll finde.
    Ich bin nicht vollständig geheilt vom Kauf schöner Dinge. Zu 97% klappt das, aber ich merke gerade, dass ich ein kleines Kosmetiktäschchen, das mir vor 4 Wochen begegnet ist, unbedingt haben möchte. Weil ich die Farbe mag, weil es hübscher ist als das jetzige, aber ich achte wenigstens drauf, dass ich Qualität kaufe 🙂

    Viele Grüße

    Birgit

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