Reise in die Vergangenheit – Ein Tag in Landshut

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Irgendjemand hat mir mal gesagt, das Leben sei ein Theaterstück, das aus mehreren Akten besteht. Und jeder Akt beträgt 7 Jahre. Alle 7 Jahre verändert sich unser Leben. Alle 7 Jahre entwickeln wir uns neu. Vielleicht rührt daher auch der Ausdruck „Das verflixte siebte Jahr“. Für mich ist wohl auch das 7. Jahr gekommen. Das 7. Jahr in Berlin, das 7. Jahr, seit ich Landshut verlassen habe. Nun war die Zeit, zurückzukommen. Zurück zu meiner zweiten Heimat, zu dem Ort meiner Jugend, zurück in die Vergangenheit.

Das Gefühl, zurück in die Vergangenheit zu reisen, verstärkte sich, als ich im Zug entgegen der Fahrtrichtung saß. Bereits da kamen Gefühle in mir hoch, die ich nicht erwartet hatte. Während die Bäume und Bahnhöfe an mir vorbei schwebten und alte Erinnerungen wachriefen, kämpfte ich mit den Tränen. Ich gewann.

Ich kam nach Landshut, als ich 13 Jahre alt war. Es war ein großer Neuanfang und gewissermaßen eine Wiedergeburt für mich, denn hier lernte ich, meine ersten Schritte zu gehen. Ich lernte die neue Sprache, die neue Kultur, eine neue Art, Freundschaften zu schließen. Ich lernte, mich zu verlieben und erwachsen zu werden. Ich lernte zu stolpern, zu fallen – und wieder aufzustehen. Und all die Gefühle, die ich dabei hatte, schienen plötzlich wieder gegenwärtig zu sein, sobald ich meine Füße auf den Landshuter Boden setzte.

Wir parkten das Auto auf dem Parkplatz nahe der Dult, dem Landshuter Volksfest, welches zweimal im Jahr stattfindet, und gingen entlang der Isar Richtung Stadtzentrum. Der erste Anblick der alten Heimatstadt entzückte mich und ich fühlte mich wie in einem Meer aus gelben Blättern, die sich im Wasser spiegelten. Die rote Christuskirche und die Isar-Brücke ließen das Ganze noch idyllischer wirken.

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Eine Idylle

Auf dem Weg zu meiner alten Schule entdeckte ich die Galerie Q, die mich auf unerklärliche Weise anzog. Ich ging hinein und wurde herzlichst empfangen. In der Galerie stellen neun unterschiedliche Künstler ihre Kunstwerke aus, die alle 14 Tage aufgefrischt werden. Begeistert von den teilweise farbenfrohen und sehr beeindruckenden Gemälden, setzten wir fröhlich unsere Tour fort.

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Eine verborgene Schatzkammer in Landshut

Nachdem ich die Schule besucht hatte, gingen wir in den Stadtpark um dort die Graffitis zu bewundern.

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Kunstwerk Nr. 1
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Kunstwerk Nr. 2
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Kunstwerk Nr. 3

Von dort aus gingen wir zum Kleinen Isarsteg, der für mich „mein Landshut“ bedeutet. Direkt daneben gab es im Sommer eine Strandbar, in welcher sich die schönsten Geschichten meines Jugendlebens abspielten.

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Kleiner Isarsteg
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Ehemalige Strandbar

Auch wenn Landshut klein ist, beim Anblick des Irish Pub wird sein Besucher in den Flair einer Großstadt gezogen. Dort verbrachte ich viele Freitagabende, hörte Live Musik, trank und lachte. Nach 7 Jahren Abwesenheit wollte ich nicht drauf verzichten, hierher zu kommen.

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Irish Pub

Später gingen wir durch eine kleine Gasse in die Altstadt. Als ich aus der Gasse herauskam, stand vor mir ein Bild, das ich lange vergessen habe. Sie ist da, die Stadt, die ohne mich weiter gelebt hat, die Stadt, die mir fremd geworden, mir jedoch immer noch vertraut ist. Sie ist da und schien sich nicht verändert zu haben. Plötzlich war ich wieder 13, 16 und 20. Es kam mir vor, als wäre ich nie weg gewesen.

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Altstadt
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Altstadt
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Martinskirche

In der belebten Altstadt gibt es unglaublich viel zu entdecken und ich war glücklich, dass es mein Lieblingscafé Michelangelo und meine Lieblingsbar Cohibar noch gibt. In der Cohibar verbrachte ich viele Samstage und trank zahlreiche Cuba Libre. Man sagt, hier schmeckt er am besten.

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Café Michelangelo
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Cohibar
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Das Rathaus
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Museum

Dann gingen wir hoch in die Burg Trausnitz. Von dort aus hat man den gigantischen Blick über ganz Landshut. Wir standen eine Weile nur still da und sahen in die Ferne.

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Die Burg Trausnitz
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Blick auf Landshut

Wer Shoppen mag, sollte es nicht verpassen, das CCL, das Einkaufszentrum, zu besuchen. Dort gibt es viele Geschäfte, ein großes Café und das größte Kino in Landshut. Aber auf dem Weg von der Altstadt dahin geht man noch an der Pyramide vorbei, wo bereits jetzt ein Weihnachtsmarkt aktiv ist.

Am Ende fuhren wir mit dem Auto durch die Wolfgangsiedlung, in der ich gelebt habe. Jede Ecke, jeder Baum schien eine Geschichte zu erzählen. Das Gefühl, den Erinnerungen ausgeliefert zu sein, überkam mich wieder, doch ich beherrschte mich. Bis ich allein am Bahnhof stand. So viele Male stand ich da. Ich erinnerte mich an die Morgen, an denen es so kalt und neblig war, dass man nur den eigenen Atemzug bemerkte. Und dann erinnerte ich mich an Tage, an denen die Sonne am Horizont auf mich heruntersah und ich nur einen Gedanke hatte: Aus diesem Käfig auszubrechen und loszufliegen.

Ich stieg in den Zug. Diesmal saß ich mit dem Blick in die Fahrtrichtung. Meine Gedanken waren wirr, aber einer davon war besonders deutlich und greifbar: diese Stadt ist definitiv die Stadt, die in mir die meisten gemischten Gefühle hervorruft. Zurück in der Gegenwart wischte ich die Tränen weg und bin zufrieden, zurückgekommen zu sein. Wo auch immer ich bin, was auch immer ich mache, hier bin ich aufgewachsen. Und ich bin so geworden, weil ich Landshut hatte.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

3 Kommentare zu „Reise in die Vergangenheit – Ein Tag in Landshut“

  1. eigentlich wollte ich gerade einen anderen Beitrag kommentieren (mach ich gleich noch), da hab ich diesen hier gesehen. Ich lebe seit ein paar Monaten 15 km vor Landshut und mag es total gerne 🙂

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