30, weiblich und Single – Ein Problem?

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Eigentlich möchte ich mich im Augenblick nicht verabreden, da ich Ruhe und Zeit für mich brauche. Doch dann treffe ich Milo, den Architekten. Das klingt durchaus sexy, und so sieht er auch aus: durchtrainierter Körper, kurze, braune Haare, himmelblaue Augen, schönes Lächeln. Wunderschönes Lächeln. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Menschen, deren Lächeln die Welt zum Schmelzen bringt. Und als Milo mich anlächelt, schmeiße ich mein Vorhaben über Bord und gebe ihm meine Handynummer.

An diesem Tag fahre ich von der Bibliothek zum Yoga. Nach kräftezehrenden Stunden sehe ich aus wie jemand, der gerade durch die Autowaschanlage gejagt wurde. Mit all meinen Taschen in Händen setze ich mich auf einen der leeren Sitzplätze in der S-Bahn und strecke meine erschöpften Beine von mir. In diesem Moment kommt er und setzt sich auf den Platz gegenüber von mir. „Hunderte von Plätzen sind frei und genau hier muss er sich hinsetzten“ dachte ich ein wenig genervt. Dann ziehe ich Der Fänger im Roggen aus meinem Rucksack und fange an zu lesen.

„Tolles Buch!“, höre ich ihn plötzlich sagen, während er lässig auf mein Buch zeigt. Erst jetzt bemerke ich sein umwerfendes Lächeln.

„Danke!“, antworte ich, als hätte ich es persönlich geschrieben und verlegt. Dann tue ich so, als würde ich weiterlesen, denke mir aber schmunzelnd, wie toll es doch ist, einen Bücherwurm vor mir sitzen zu haben.

„Ich will nicht stören, aber kennst du Franny und Zooey? Ist von demselben Autor. Gefällt mir persönlich sogar besser als dieses hier.“

Sofort ist er mir sympathisch und ich lege das Buch beiseite, um mich mit ihm zu unterhalten. Leider muss ich zwei Stationen danach aussteigen, aber zu meiner Überraschung folgt er mir. Am Bahnsteig tauschen wir Nummern aus. Dann gehe ich zum Yoga und er nimmt die nächste Bahn um weiterzufahren.

Die nächsten Tage versuchen wir via WhatsApp, einen Termin für ein Treffen zu arrangieren, was sich als äußerst schwierig erweist, da ich ausgerechnet jetzt einen vollen Terminkalender habe. Letzten Endes lade ich ihn dazu ein, mich zum Yoga zu begleiten und zu meiner Freude nimmt er Einladung an. Am Donnerstag erscheint er in Jogginghose und sieht selbst darin entzückend aus. Während des Kurses können wir zwar nicht viel miteinander reden, aber es macht Spaß, ihm bei der Ausführung der Übungen zuzusehen. Danach essen wir noch einen Döner zusammen, dann muss ich zur Bahn. Er begleitet mich.

„Kannst du dir bitte nächsten Freitag Zeit für mich nehmen?“, fragt er mich, bevor meine Bahn kommt, welche mich zur Verabredung mit meiner Freundin fährt. Gerührt von dieser zuckersüßen Bitte sage ich spontan zu.

Dann kommt der Freitag. Obwohl ich ihm sage, dass es nicht nötig sei, holt er mich mit dem Auto von Zuhause ab und bringt mich zu seinem, nach seiner Aussage, Lieblingsrestaurant. Ich weiß zwar, dass wir essen gehen, aber als wir ankommen, überkommt mich ein unwohles Gefühl. Es ist eins von diesen teuren Restaurant, in denen ich mich immer fehl am Platz fühle. Mit zerrissenen Jeans und Sneakers betrete ich das Lokal, das trotz der vielen Gästen so ruhig ist, dass ich mich nicht mal zu atmen traue. Es kommt eine Dame, die uns die Jacken abnimmt und zu dem für uns reservierten Tisch führt, welcher rund und weiß gedeckt ist. Milo hilft mir sogar dabei, mich hinzusetzen. Peinlich berührt frage ich ihn, ob hier Lachen erlaubt sei.

Während des Essens wechseln wir nur einige Sätze, die restliche Zeit herrscht peinliches Schweigen, das heißt, peinlich für mich. Denn Milo scheint sich prächtig zu amüsieren. Er strahlt übers ganze Gesicht, schaut mich immer wieder „verliebt“ an – ja, das tut er wirklich! Nach dem Essen schlage ich ihm vor, in eine „normale“ Bar zu gehen und etwas zu trinken.

„Sie haben hier auch Cocktails.“ sagt er und ruft die Kellnerin, ohne meine Antwort abzuwarten. Als sie mit ihrem festgefrorenen Lächeln ankommt, teile ich ihr ganz schnell mit, dass wir zahlen wollen. Verwundert sieht mich Milo an und fragt, nachdem die Kellnerin hinter der Bar verschwindet:

„Gefällt es dir hier nicht?“

„Nein, es ist so vornehm hier. Können wir irgendwohin gehen, wo es nicht auffällt, wenn ich die falsche Gabel für den Salat nehme?“ Antworte ich und scheine Milo damit noch mehr zu verwirren.

„Aber wir sind doch mit dem Essen fertig!“

„Das ist doch nur ein Beispiel. Ich fühle mich hier wirklich unwohl.“

Wir stehen auf und gehen zur Tür. Die Empfangsdame bedankt sich bei uns und lächelt Milo an, durch mich sieht sie hindurch. Als wir endlich draußen sind, hole ich zum ersten Mal an diesem Abend tief Luft, ohne Angst haben zu müssen, dass die anderen Gäste vor Schreck ihr Besteck fallen lassen.

Wir suchen uns eine kleine nette Bar, in der gerade ein Popsong gespielt wird. Die Musik ist angenehm laut, so dass man sich gerade noch unterhalten kann. Ich bestelle ein Mojito und Milo ein stilles Wasser, weil er noch Auto fahren muss.

„Erzähl mir mal ein bisschen von dir. Was machst du in deiner Freizeit?“ frage ich ihn, nachdem uns die Getränke serviert wurden.

„Arbeiten“, antwortet er und lacht. „Ob du es glaubst oder nicht, es macht mir wirklich viel Spaß.“

„Doch, ich glaube dir. Und das finde ich richtig toll, eine Arbeit zu haben, die man liebt. Woran arbeitest du gerade?“

„Das darf ich dir nicht sagen.“

„Ok.“ Erwidere ich verunsichert. Als er dem nichts mehr hinzufügt, komme ich noch mal auf die Freizeit zurück. „Welches Buch hast du denn zuletzt gelesen?“

„Habe ich dir doch erzählt. Franny und Zooey. Das ist aber schon ewig her. Für ein Referat in der Schule. Das andere Buch habe ich auch für ein Referat gelesen. Freiwillig tue ich mir sowas nicht an.“ Erzählt er und nippt an seinem stillen Wasser.

Ok. Macht nichts, dachte ich. Dann liest er eben nicht gern, dachte ich. Eine Weile herrscht wieder Stille, dann unterbricht er sie.

„Und was machst du in deiner Freizeit?“

Ich bin kurz davor, Lesen zu sagen, aber dann behalte ich es doch lieber für mich und erzähle ihm, wie gern ich reise. Als er nichts dazu sagt, erzähle ich ihm weiter von meiner Reise nach Athen, Rom, Madrid, Vietnam, Australien etc. Nach einer Weile schäme ich mich, nur von mir zu reden und frage ihn, wo er schon überall war.

„Ich fliege jedes Jahr nach Mallorca. Warst du schon mal da?“ Fragt er und nippt nochmals an seinem Glas.

„Leider nein. Ich will aber mal hin. Ist bestimmt sehr schön.“

„Ja, total. Wir können ja nächstes Jahr zusammen hinfliegen.“

An dieser Stelle glaube ich, ich hätte mich verhört, aber dann nehme ich an, dass er nur Spaß macht und lache laut.

„Warum lachst du?“ Fragt er irritiert und stellt sein Glas auf den Bierdeckel. Er lehnt sich sogar etwas nach vorne, wahrscheinlich um mich besser hören zu können. Überrascht über diese Frage stelle ich das Lachen ein.

„Oh, das war kein Scherz?“ Sage ich und greife zum Mojito. Irgendwie schäme ich mich wieder, aber mir ist nicht klar, wofür.

„Nein, ich finde dich sehr hübsch und bodenständig. Ich lade dich auch ein dann.“

„Wir haben uns doch erst zweimal gesehen. Da kann man doch keine gemeinsame Reise planen. Außerdem kann ich selbst für mich bezahlen!“ Hebe ich meine Stimme und stelle mein Drink auf den Tisch, ohne aufzuhören, Milo schockiert anzustarren.

„Wir haben uns dreimal gesehen und schreiben seit über zwei Wochen miteinander.“ Sagt er und scheint noch schockierter als ich zu sein. Nun bin ich sprachlos. Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht damit.

„Ich muss dir etwas sagen“, fange ich schließlich an zu reden und beuge mich zu ihm vor, „du bist ein unglaublich lieber Mann und ich sollte dankbar sein, dass du deine Zeit mit mir verbringen willst. Aber ich glaube nicht, dass wir zusammenpassen.“ Als ich fertig bin, komme ich mir vor wie eine Mutter, die ihrem Kind mitgeteilt hat, dass der Hamster gestorben ist.

Milos Lächeln verschwindet nun völlig. Er sitzt da und versteht die Welt nicht mehr.

„Ich dachte, wir verstehen uns“ sagt er schließlich und schaut auf sein Glas. Nun hat er aber kein Wasser mehr, an dem er nippen kann. Nach einigen Sekunden sieht er mich abermals an und sagt etwas, was meine Sicht auf ihn völlig verändert:

„Du bist ja auch schon 30. Viel länger kannst du dir eh keinen Spaß mehr leisten. Die Uhr tickt.“ Und dann lehnt er sich zurück, befummelt mit der linken Hand das Glas auf dem Tisch, mit der rechten stützt er seine Schläfe und sieht mich fordernd an. Ich fühle, wie sich meine Lippen zu einem Ei formen.

„Na, hast du dazu nichts zu sagen? Habe ich dir die Sprache verschlagen?“ Jetzt neigt er den Kopf zu der anderen Seite, verschränkt seine Armen und grinst mich provozierend an. Ich hole tief Luft und finde schließlich, zu meiner eigenen Überraschung, eine Antwort:

„Ja, ich bin 30. Und wenn du denkst, dass das ein Alter ist, in dem man sich keinen Spaß mehr leisten kann, dann bist du der traurigste Mensch, dem ich je begegnet bin. Ich habe noch zwei Drittel meines Lebens vor mir und ich bin nicht bereit, sie mit jemandem zu verbringen, mit dem ich weder reden noch lachen kann. Und zu deiner Information: Kinder zu bekommen ist nicht die höchste Priorität jeder Frau. Falls das bei dir noch nicht angekommen ist: wir leben im 21. Jahrhundert…“

„Jajaja, laber mir nicht die Ohren voll. Spare dir den Scheiß für deinen Blog, der sowieso niemanden interessiert.“ Schreit er mich plötzlich an und steht auf. Zum Glück war die Musik laut genug, so dass sich nur ein paar Leute zu uns umdrehen. Dann dreht er sich noch einmal um bevor er aus der Tür geht: „Den Weg nach Hause findest du wohl selbst.“

Der Barkeeper kommt zu mir und fragt besorgt, ob alles in Ordnung sei. Auch wenn ich an dem Abend nicht viele Erwartungen habe: dieses Ende hätte ich nie für möglich gehalten. Obwohl mir Milo am Ende auf die Nerven gegangen ist, tut er mir leid. Weil er nicht mit einer Ablehnung umgehen kann, weil er ein überholtes Weltbild hat. Weil er wahrscheinlich mit 35 schon in seine Beerdigung reinfeiert und mit 40 Jahren Heiratsanzeigen für seine Tochter vorbereitet, weil die Uhr ja bald zu ticken anfängt. Aber das ist sein Leben und damit habe ich, zum Glück, nichts zu tun.

„Bei mir ja“, teile ich dem Barkeeper mit, dann trinke meinen Drink noch aus, bezahle und verlasse die Bar. Unterwegs denke ich über Milos Vorschlag nach. Eigentlich ist es gar keine schlechte Idee, darüber zu schreiben, auch wenn mein Blog niemanden interessiert. Wenigstens schreit mich der Blog nicht an.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

11 Kommentare zu „30, weiblich und Single – Ein Problem?“

  1. Diese Story habe ich gerade zum 2. Mal gelesen, gefällt mir immer noch 😊
    Ganz besonders gut gefällt mir, wie der Typ dich mit der Kenntnis eines Buches beeindruckt, von dem sich später heraus stellt, daß er es höchstens aus dem Deutschunterricht kennt. Das Tragische daran ist, dass er das später zugibt ohne daß es ihm peinlich ist.
    Ich weiß, es ist ne wahre Geschichte, deshalb für dich weniger komisch als für andere. Hoffe aber, du lachst inzwischen auch drüber 😊

    Gefällt 2 Personen

  2. Schön, dass ich auf deinem Blog gelandet bin, willkommen in der Gruppe der „Schlechte-Dates-Blogger“, ich habe das ein oder andere meiner Dates wiedererkannt, aber dieses Exemplar hat ja eine schöne Sammlung schlechter Arten mit sich gebracht… Liebe Grüße Julia

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