Einseitig

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Krachend und auffällig setzt sie sich neben mich und begrüßt mich laut mit einem Grinsen.

„Was liest du da?“

Ich zeige ihr das Cover meines Buches und mache Anstalten, weiterzulesen, aber sie denkt gar nicht daran, mich in Ruhe zu lassen.

„Wo kommst du her?“

„Von der Bibliothek!“

„Nein, ich meine, aus welchem Land. Oder woher kommen deine Eltern? Verstehst du mich? Du redest ja nicht so viel!“ Fragt sie und hält dabei ihr Gesicht ganz nah an meinem. Ich rutsche zur Seite.

„Ich komme aus Vietnam. Und ja, ich verstehe dich. Aber ich bin nicht immer gesprächig.“

„Ja, hab ich schon gemerkt. Macht nichts, dafür rede ich ganz viel. Wo wohnst du?“ Löchert sie munter weiter und artikuliert dabei wild mit den Händen.

„In der Frankfurter Allee.“ Antworte ich und starre ihren Mund an. Ich habe die seltsame Angewohnheit, Menschen immer auf den Mund zu starren.

„Oh nein! Dann sind wir ja fast Nachbarn. Ich wohne in der Samariter Straße. Du musst mal auf einen Tee vorbeikommen.“

„Oh, danke. Aber ich trinke keinen Tee.“

„Ach was? Ich dachte, Asiaten trinken immer Tee? Ihr habt doch so schönen grünen Tee und weißen Tee und was weiß ich was alles. Und du trinkst überhaupt nichts? Du kannst von mir aus auch gern was anderes trinken. Ich hab auch Kaffee und heiße Schokolade. Was machst du beruflich?“

„Ich studiere.“

„Ach wirklich? Was denn?“ Mittlerweile kuschelt sie sich ganz eng an mich und berührt beinahe mit ihrer Stirn meine Nase.

„Vergleichende Literatur- und Kunstwissenschaft.“

„Oh! Sehr interessant. An der Humboldt?“

„Nein, an der Uni Potsdam.“

„Ach, dann hast du ja eine ganz schön weite Strecke, oder? Wie lange musst du noch studieren?“ Ihr Interesse ist nun unermesslich groß.

„Ich muss nur noch die Masterarbeit schreiben.“

„Was machst du sonst so in deiner Freizeit, außer als Komparsin zu arbeiten?“ Wechselt sie plötzlich das Thema.

„Lesen, Freunde treffen…“

„Was hast du am Wochenende gemacht?“

„Ich war in Hamburg auf einem Konzert…“

„Was hat das gekostet?“

„Weiß nicht. Hab das Ticket zum Geburtstag bekommen.“

„Früher habe ich fünf Mark bezahlt, wenn ich auf ein Konzert gegangen bin. Mittlerweile gehe ich nur noch auf mein eigenes. Ich bin nämlich in einer Band. Ich singe aber auch solo. Komm mal vorbei, dann kannst du auch mitmachen. Spielst du auch ein Instrument?“

„Nein…“

„Ach, bestimmt. Lass dir nicht von irgend jemandem einreden, dass du etwas nicht kannst. War das deine Mutter?“

„Wie bitte?“

„Eltern sind manchmal Arschlöcher!“

„Oh.“ Mehr fällt mir nicht ein. Plötzlich habe ich das Gefühl, auf die Toilette gehen zu müssen.

„Ich komme gleich wieder.“ Sage ich ihr und stehe auf.

„Wohin gehst du?“ Steht sie ebenfalls auf und schaut hektisch um sich.

„Auf die Toilette.“

„Ich komme mit. Meine Blase drückt schon seit einer Weile.“ Und dann rennt sie mir fröhlich hinterher. Auf der Toilette fragt sie mich laut nach meinem Namen.

„Thao.“ Antworte ich.

„Das ist so aufregend. Das erinnert mich an die Schulzeit. Kennst du das? Da gingen wir Mädchen immer gern zusammen auf die Toilette. Jetzt ist es ja immer noch so, oder?“

„Vermutlich schon.“ Antworte ich und gehe zum Waschbecken. Plötzlich kommt sie von hinten an und umarmt mich, ohne ihre Hände gewaschen zu haben.

„Ach ich finde dich so süß. Es gibt selten Menschen, mit denen ich mich so gut verstehe. Um ehrlich zu sein hatte ich noch nie eine gute Freundin. Meine Freunde sind alle männlich.“ Als sie fertig geredet hat, legt sie ihren Kopf auf meinen Rücken.

Es ist einer der Momente, in dem ich mir wünsche, dass ich gerade träume. Ich habe ein seltsames Gefühl, eine Mischung aus Mitleid, Schuldgefühlen, Ärger und Überförderung. In den nächsten Minuten beobachte ich mich dabei, wie ich ihr meine Telefonnummer, meine Email- und Postadresse aufschreibe. Im Gedanken zähle ich aber die Leute auf, die in diesem Moment „Ach Thao“ sagen würden.

Und dann tröste ich mich mit dem Gedanke: Vielleicht ist sie ja ein guter Mensch, vielleicht wird ein Treffen mit ihr lustig. Vielleicht verliert sie den Zettel…

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

Ein Gedanke zu „Einseitig“

  1. Oh je. Erst denkst du, jemand hätte dir dein Macbook geklaut, und jetzt auch noch das. Aber das kenne ich aus der Zeit, als ich Anfang zwanzig war, also das Gefühl, meiner Empathie hilflos ausgeliefert zu sein. Ich konnte niemanden abweisen, egal wie schwer der/die Andere die Gesetze der Nähe verletzte.
    Aber sieh es mal so: Spätestens, wenn sie dich auf Facebook findet, findet sie auch deinen Blog, dann trennt sie nur noch ein Klick von diesem Beitrag, und dann „vergisst“ sie deinen Zettel vielleicht wirklich.

    Liebe Grüße,
    Irini

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