Ausgebrannt

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Mein Platz ist leer. Warum ist mein Platz leer? Wo sind meine Sachen? Wo ist mein MacBook? Ich war doch nur kurz draußen. Wie lange mag das gewesen sein? Fünf Minuten? Maximal zehn. Und dann sind meine Sachen weg! Ok, ganz ruhig. Ich muss jetzt ruhig bleiben. Vielleicht hat jemand etwas gesehen. „Hi, hast du zufällig gesehen, wer die Sachen von diesem Platz weggenommen hat?“ „Tut mir leid, ich bin gerade erst gekommen. Ich habe nichts gesehen.“ „Hast du vielleicht? Wie lange sitzt du jetzt schon hier?“ „Ne, ich hab nichts gesehen.“ Oh mein Gott! Ich wurde beklaut. Ich wurde tatsächlich beklaut. Mein MacBook ist weg. Die ganzen Notizen für meine Masterarbeit sind weg. Ich habe Monate dafür gebraucht. Und die ganzen Kurzgeschichten! Ich habe jahrelang geschrieben. Und die Fotos, die ganzen Urlaubsfotos. Und ich habe mir tausend mal gesagt, dass ich alles auf eine Festplatte speichern müsste. Natürlich habe ich es nicht gemacht. Ich bin einfach zu dumm für diese Welt. Ich hasse diese Dummheit! Wie kann man nur so dumm sein? Und jetzt habe ich den Salat. Was mache ich jetzt? Oh mein liebstes MacBook. Es tut mir so leid. Ich bin ein schrecklicher Mensch. Ich habe dich allein gelassen. Und jetzt hat dich vielleicht irgendein perverser Vollidiot, der dich nicht zu schätzen weiß. Ich bringe ihn um! Ich bringe ihn um, diesen perversen Vollidiot! Aber wie will ich es anstellen? Ich habe null Erfahrungen damit. Es muss natürlich blut- und schmerzfrei geschehen. Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand jammert. Aber es ist noch zu früh, um darüber nachzudenken. Ich muss ihn erst mal fassen. Und ich weiß noch nicht einmal, wer das ist. Vielleicht ist er arm und braucht ein Laptop. Wenn ich ihn sehe, würde ich ihn einfach ganz normal fragen, ob er mir mein MacBook zurückgeben könnte. Ganz normal fragen. Vielleicht gibt er es mir ja zurück. Schließlich gehört es mir. Oder ich frage ihn, ob er mir alles kopieren und geben könnte, dann könnte er das MacBook behalten, wenn er es unbedingt braucht. Ja, so mache ich es. Ich werde ihn nicht anzeigen. Ich werde ihn auch nicht umbringen. Ich werde ihm nicht schaden. Natürlich nicht. Ich will einfach nur die Notizen für meine Masterarbeit zurück haben. Und alles andere. Ich habe keine Zeit, um alles nochmals zu schreiben. Ich habe keine Zeit, um die ganzen Fotos nochmals zu schießen. Und überhaupt könnte es niemals dasselbe sein. Ich würde ihn fragen, ob er mir mein Macbook wiedergibt. Schließlich ist es schon sehr alt. Es hat sogar einen Sprung. Damit kann man praktisch nichts mehr machen. Aber ich hänge daran. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass jemand anders mein MacBook hat.

„Vielleicht fragst du mal unten, ob sie jemanden gesehen haben, der deine Sachen rausgetragen hat. Musst sie mal beschreiben.“

Ich muss sie beschreiben. Alles klar. Was war denn alles dabei? Ein MacBook, ein großes, weinrotes Buch, Ladekabel, Wasserflasche… Wer klaut denn eine Wasserflasche, verflucht? Die hätte er mir doch zurücklassen können. Vielleicht war es auch eine sie. Vielleicht wollte sie meine DNA klauen. Oh mein Gott, wie gruselig. Was mag sie damit anstellen wollen? Wahrscheinlich hat sie oder er mich schon lange gestalkt. Sie oder er ist mir gefolgt, hat mich beobachtet, hat auf den richtigen Moment gewartet und meine Sachen mitgenommen, als ich aufgestanden bin. Gott, ich verfluche den heutigen Tag. Ich verfluche die Situation. Das kann doch nicht wahr sein, dass ich so unvorsichtig war. Ich hätte alles mitnehmen sollen. Ich hätte erst gar nicht gehen sollen. Ich hätte darauf verzichten können, aufzustehen, in die Cafeteria zu gehen, diesen überteuerten und lächerlichen Kaffee zu kaufen, der nach Verspottung und Schadenfreude schmeckt. Wäre ich bloß nicht so müde gewesen. Hätte ich doch bloß mehr geschlafen. Hätte ich doch bloß etwas mehr Zeit gehabt zu schlafen, dann wäre das alles nicht passiert. Ich bin jetzt wieder so müde.

„Thao! Ich wusste doch, dass du da bist. Habe dein kaputtes Macbook wieder erkannt. Ich sitze neben dir!“ Sagt plötzlich eine Stimme vor mir. Der Mensch dazu steht auch vor mir.

„Du hast mein MacBook gesehen? Wooooooo???“

„Na auf dem Tisch im Studierraum!“ Antwortet der Mensch irritiert.

„Ich war gerade da, es ist verschwunden!“

„Wie kann das passieren?“

„Ich war kurz in der Cafeteria und als ich zurück war, war alles weg.“

„Oh mein Gott! Das ist ja krass. Wer macht denn sowas? Dann gucke ich mal, ob meine Sachen noch da sind. Was machst du jetzt?“

„Ich frage unten nach, ob sie was gesehen haben.“

„Ok, viel Glück!“

Dann stehe ich auf einmal vor dem Sicherheitsmann und erzähle ihm die Situation. Interessiert hört er mir zu, aber am Ende meines Monologs sieht er mich mitleidig an und teilt mir mit, dass er nichts gesehen habe.

„Thao, deine Sachen sind doch noch da!“ Höre ich plötzlich die Stimme von vorhin.

„Oh, wirklich? Bist du dir sicher?“

„Guck mal selbst!“

Ich laufe dem Menschen hinterher. Dabei kommt mir der Gedanke, dass ich diese Treppen heute schon zum fünften Mal hoch- und runtergestiegen bin. Im zweiten Stock öffnet der Mensch die Tür und hält sie mir auf. Ich laufe weiter.

„Ich gehe erst mal zu meinem Tisch.“

„Dein Tisch ist doch hier.“

„Oh.“

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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