Mädchen im Glas

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Anne hat Klaustrophobie. Sie hat außerdem Höhenangst, Angst vor der Dunkelheit, vor Blut, vor Tieren, insbesondere vor toten Tieren. Sie hat Angst vor Folter, davor, nicht atmen zu können, lebendig begraben zu werden und dass jemandem etwas Schlimmes passiert, der ihr nah steht.
 Sie hat nicht viele Menschen, die ihr nah stehen. Es sind ihr Bruder und ihr Vater. Ihrem Bruder ist bereits etwas passiert.
Er sitzt wegen Körperverletzung und Totschlag im Gefängnis. Ihr Vater trinkt Tag und Nacht. Sie wacht jedes mal mit der Angst auf, ihn in irgendeinem Loch tot aufzufinden.
 Sie erinnert sich nicht, wann sie sich das letzte mal geborgen gefühlt hat. Vielleicht an ihrem Geburtstag vor 11 Jahren. Es war der letzter Geburtstag, den sie gefeiert hat. Das Jahr danach waren sie damit beschäftigt, den Körper ihrer Mutter von dem Seil, das an der Decke hing, zu befreien und der Polizei zu erklären, was der Grund sein könnte, warum sie sich erhängt hat. Damals kamen sie und ihr Bruder von der Schule. Sie dachte, wenn sie nach Hause kommt, würde ein Schokoladenkuchen auf sie warten. Als sie in die Küche ging und weder den Kuchen noch ihre Mutter fand, spürte sie eine Beunruhigung, eine Angst, die sie zuvor noch nicht gekannt hat.
 Einmal, bevor ihre Mutter starb, wachte sie auf. Sie musste vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Sie wachte auf, weil die Sonne durch das Fenster in ihr Gesicht schien. Erst war sie verwirrt, weil es so still im Haus war, dann stand sie auf und begab sich auf der Suche nach ihrer Mutter. Sie ging ins Flur, wo die große Uhr hing. Ihr Bruder hat ihr beigebracht, diese zu lesen. Der kürzeste Zeiger lag zwischen 10 und 11. „Papa müsste bei der Arbeit und Leon in der Schule sein“, dachte sie, „aber wo ist Mama?“ Sie ging in die Küche, dann ins Bad und ins Schlafzimmer. Als sie ihre Mutter schließlich weder im Leons Zimmer noch im Wohnzimmer gefunden hat und auf ihr wiederholtes Rufen keine Antwort bekam, überkam ihr eine Panik. Sie rannte zur Tür, versuchte diese zu öffnen, doch sie war abgeschlossen. Sie fing an zu weinen und zu schreien, um Hilfe zu rufen, aber niemand kam. Als Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung von ihr Besitz ergriffen hatten und sie sich vor Erschöpfung auf den Boden setzte und gegen die Wand lehnte, öffnete sich die Tür und ihre Mutter schob sich hinein. Anne blickte in das kalte Gesicht und fragte zitternd: „Wo warst du, Mama?“ Ihre Mutter sah sie wütend an und antwortete: „Hast du etwa geweint? Wie alt bist du, dass ich dich nicht mal für ein paar Stunden allein lassen kann? Du machst mich krank!“ Damals wusste sie nicht, welchen Namen das Gefühl hatte, das sie empfand, aber es war dasselbe Gefühl, das zurückkam, als sie den Körper im Schlafzimmer hängen sah. Später fand sie heraus, dass man es Hass nennt.

An ihrem sechsten Geburtstag, das Jahr, bevor ihre Mutter sich umbrachte, gab es Schokoladenkuchen. Ihre Mutter hat ihr eine Souvenirflasche geschenkt, in der ein Segler auf seinem Boot stand. „Wie kann er in der Flasche atmen, Mama?“ In der Nacht träumte sie, dass die Flasche schrumpfte und die Glaswände den Mann zerquetschten. Dieser rang nach Luft, schrie und schrie, hob seine Hände, um die Wände von sich wegzuschieben, aber es wurde immer dunkler und enger um ihn. Plötzlich war Anne die, die im Glas wohnte, die den Korken nicht aus der Flasche bekam und zerdrückt wurde. Mitternacht wachte sie atemlos und schweißgebadet auf. Am nächsten Tag fand ihre Mutter Scherben an ihrem Bettende. Sie hat die Flasche zerschlagen, um den Mann zu befreien.

Hin und wieder besucht sie ihren Bruder im Gefängnis. Hin und wieder vermisst sie ihn. Früher standen sie sich sehr nah, damals, vor ihrem siebten Geburtstag. Sie haben oft zusammen mit einem Pferd aus Plastik gespielt. Er war ihr bester Freund. Doch als sie an diesem Tag nach Hause kamen und ihre Mutter da hängen sahen, starb auf einmal ihre Freundschaft. Drei Jahre später lief er als Fünfzehnjähriger vom Zuhause weg. Zwei Jahre danach bekam ihr Vater die Einladung für das Gericht. Er sollte als Zeuge aussagen. Im Fernsehen sah sie später, wie ihr Bruder abgeführt wurde. In ihrem Regal steht das Pferd immer noch. Er wird nie wieder damit spielen.

Dann wacht sie eines Tages auf und findet Polizisten vor ihrer Tür, die ihr mitteilen, dass sie den Körper ihres Vater im Fluss entdeckt haben. Dieser Moment kam ihr vor wie eine Ewigkeit und sie hat das Gefühl, dass der Mann seinen Satz immer und immer wiederholt. Den Rest des Tages wird sie mit Leichenidentifizierung und Bestattungsplanung konfrontiert. Ihr Bruder ist nicht da. Niemand ist da. Sie ist ganz allein.
 Nächste Woche wird sie 18. Sie hat weder Vater noch Mutter. Doch das, was sie am stärksten empfindet, ist die Erleichterung.

 

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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