Du und ich

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Weißt du noch damals, als wir im Anna Blume saßen, das gleichnamige Gedicht lasen und lachten? Seit dem hatte ich nichts von dir gehört. Wieder nichts. Lange hatte ich nicht an dich gedacht, aber dann kam der Herbst mit seinem Geruch, der dich in meinem Geist wachrief. Seltsam, wie ein flüchtiger Geruch die Erinnerung einer langjährigen Freundschaft zurückbringen konnte. Plötzlich zogen alte Bilder an meinen Augen vorbei, plötzlich saß ich wieder mit dir im Auto auf dem Beifahrersitz. Im Radio sang Xavier Naidoo Dieser Weg. Du hattest ihn geliebt. Vielleicht immer noch?

Wir fuhren die Landshuter Straßen entlang. Es war Samstag und ich hatte das Gefühl, dass wir eine Ewigkeit fuhren. Ich fragte dich mehr als einmal „Wo fahren wir hin?“, aber du sagtest nur „Das wirst du schon sehen.“ Das hasste und mochte ich an dir. Du wusstest, dass du mich in den Wahnsinn triebst, wenn du mich im Dunkeln ließt, aber du nutztest jede Gelegenheit, um meine Geduld auf die Probe zu stellen.

Dann hieltest du an einer Straße an, die ich noch nie gesehen hatte. Ich sah mich um und sah nichts als kleine Familienhäuser, Bäume und die Stille.

„Was machen wir hier?“

„Das wirst du schon sehen.“ Ohne mich anzusehen, drehtest du die Musik leise und richtetest deinen Blick nach vorne.

„Worauf wartest du denn? Und sage jetzt nicht, dass ich das schon sehen werde! Was starrst du da an?“

Ohne deinen Kopf zu bewegen, beugtest du dich nach vorne. Ich konnte sehen, dass du deine Augen zusammenkniffst und dein Gesicht anspanntest.

„Psst! Er ist da.“

„Wer?“ Ich sah dich an, dann nach vorne, dann wieder zu dir.

Schließlich sah ich ihn – ein großer, dunkelblonder, gutaussehender Mann. Nun verstand ich alles. Er kam aus einer Tür, blieb stehen, hielt diese auf und ihm folgten zuerst ein Junge im Teenageralter, dann ein kleines Mädchen und letztendlich eine Frau. Ich schielte zu dir rüber und zu meiner Überraschung hatte sich deine Miene nicht verändert. Du saßt selbstsicher hinter der Steuer, worauf deine Hände entspannt ruhten und schautest die glückliche Familie an. Dein Gesicht wirkte nach einem kurzen Moment seltsam amüsiert.

„Helena? Alles ok?“

„Warum nicht?“ Antwortetest du wieder, ohne mich anzusehen.

„Warum sind wir hier?“

„Ich fasse es nicht, wie sie aussieht!“

„Was meinst du?“

Auf einmal warst du ganz aufgebracht.

„Wie kann er eigentlich mit dieser Person verheiratet sein? Guck sie dir doch an, die passen überhaupt nicht zusammen. Schau doch, wie klein und unscheinbar sie ist.“ Jetzt schautest du mich an, aber ich war mir nicht sicher, ob du mich auch gesehen hattest. Wahrscheinlich nicht, denn sonst hättest du mich gefragt, warum ich so entsetzt guckte. Aber vielleicht auch nicht.

„Aber ernsthaft“, fuhrst du fort, „Und dann hat er auch noch zwei Kinder mit ihr. Bei einem könnte man es sich noch damit erklären, dass das ein Unfall war und er sie aus Höflichkeit geheiratet hat, aber zwei? Wie ist das bitteschön passiert? Was hat er sich dabei gedacht?“

„Können wir bitte nach Hause fahren?“

„Tausch mit mir die Plätze.“ Sagtest du auf einmal bestimmt und schautest mich streng an.

„Was?“

„Tausch mit mir die Plätze!“ Wiederholtest du mit Nachdruck.

„Ich habe dich schon beim ersten Mal verstanden, aber ich wüsste nicht, wozu.“

„Du fährst ihnen jetzt hinterher.“

„Was?“

„Er würde mich erkennen, wenn ich fahren würde. Ich setze mich nach hinten.“

„Bist du verrückt? Ich habe nicht mal einen Führerschein.“

„Für die paar Meter brauchst du keinen Führerschein.“

„Wer weiß, wo die hinfahren. Ich mache das auf gar keinen Fall. Außerdem will ich nach Hause…“

Bis dahin reichte meine Erinnerung. Im nächsten Bild stand ich vor deiner Tür und öffnete diese mit dem Ersatzschlüssel, den du mir gegeben hattest. Es war Winter und ich hatte Mühe, meine Schuhe auszuziehen, bevor ich die Wohnung betrat.

„Da bist du ja. Ich dachte, du kommst gar nicht mehr.“ Hörte ich dich reden, bevor du aufgeregt im Bademantel auf mich zukamst.

„Was ist los? Ist alles ok?“

„Ja, wir haben noch eine Stunde, bis er kommt.“

„Wer?“

„Wer wohl?! Ziehe deine Jacke aus und helfe mir, meine Haare zu entfernen.“

„Deine Haare entfernen? Das ist dein Notfall?“

„Nicht reden, schnell.“ Dann drücktest du mir eine Packung Kaltwachsstreifen in die Hand, zogst deinen Bademantel aus und legtest dich bäuchlings auf die Couch.

„Helena! Dafür habe ich meine Lerngruppe abgesagt? Ich schreibe nächste Woche eine Prüfung, das weißt du genau!“

„Dann beeile dich, damit du schnell lernen gehen kannst!“

„Wieso willst du die Haare entfernt haben. Ich dachte, ihr schläft nicht miteinander!“ Fragte ich, während ich einen Streifen auf deinen Rücken legte und ihn glatt strich.

„Tun wir auch nicht…“

„Aber?“

„Aber wir sitzen auch nicht nur da und trinken Tee…“

Ich sagte nichts und versuchte nur, meine Aufgabe schnell wie möglich zu erledigen während ich den Gedanke verdrängte, was man machen könnte, wenn man nicht Tee trank. Ich wollte schnell wieder gehen, nicht nur, um lernen zu können, sondern auch um mir und ihm die Peinlichkeit zu ersparen, einander zu begegnen. Zu diesem Zeitpunkt war sein Name alles, was ich von ihm wusste, aber mehr wollte ich auch nicht erfahren.

„Aaaaah. Oh Gott, du musst das schneller abziehen! Zeig mal! Sind alle Haare weg?“

„Er ist verheiratet, Helena.“ Flüsterte ich fast, als ich dir den Streifen gab.

Dann war es für einen Moment still im Zimmer. Du bewegtest dich nicht und drehtest dich auch nicht um. Aber deine Stimme zitterte, als du antwortetest.

„Ich habe mich in ihn verliebt. Ich will nur glücklich sein.“

Zwei Monate später fuhren wir mit dem Auto zu seinem Haus und stellten ihm nach. Noch mal zwei Monate und du lagtest in meinem Bad, weinend, sturzbetrunken, mit gebrochenem Herzen und ohne Freund, ohne Affäre. Deine langjährige Fernbeziehung ging in die Brüche, weil dein Freund die Wahrheit herausgefunden hatte und du auf einmal nicht besser wusstest, als dich an den Familienvater festzuklammern. Als er dir mitteilte, dass du ihm zu anhänglich wurdest, gingst du zu seiner Frau und erzähltest ihr von deiner Liebe zu ihm. Und danach gab es nur noch Scherben.

An dem Tag, an dem ich nach Berlin zog, dachte ich während der ganzen Zugfahrt an dich. Ich dachte daran, wie wir eines Abends an der Isar saßen und ich dir mein Herz ausgeschüttet hatte. Damals waren wir beste Freundinnen. In meinen ersten Wochen in Berlin schrieben wir uns jeden Tag. Dann wurde es weniger und weniger. Du hattest dein Leben und ich hatte meines. Wir hatten uns auseinandergelebt.

Dann warst du in Berlin und sahst mich mit deinen kalten Augen an, wie du früher den Rest der Welt immer angesehen hattest. Zwischen Tür und Tisch huschten mir tausend Gedanken durch den Kopf, warum wir uns voneinander entfremdet haben könnten. Ich dachte, es sei vielleicht das Beste, dass wir getrennte Wege gegangen waren und diesen Abstand hatte ich gebraucht, um es zu realisieren. Und dann kamen wir uns wieder näher und ich hatte gehofft, dass alles wieder wie früher sein könne.

Und jetzt, nach dem ich wusste, dass du für immer aus meinem Leben gegangen warst, empfand ich eine seltsame Ruhe, als hatte ich mich damit abgefunden, dass die Zeit die Macht hatte, Menschen zu Fremden zu machen, obwohl sie sich mal so nah standen, dass nichts dazwischen gepasst hatten. Und wenn ich an dich dachte, dann hieß es nicht, dass ich mir wunschte, zu dieser Zeit zurückzukehren. Im Leben trafen wir auf viele Menschen, die uns wichtig wurden. Viele blieben, viele gingen, aber wir hatten es allen zu verdanken, wer wir geworden waren. So war es mit dir. Du warst ein wichtiger Teil meines Lebens, und jetzt kam für mich ein neuer Lebensabschnitt, in dem du keine Rolle mehr spieltest. Aber das, was du mal für mich warst, würde immer bleiben, du hattest deinen Stellenwert und die Vergangenheit würde niemals verloren gehen, genau wie Kurt Schwitters Gedicht.

Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

2 Kommentare zu „Du und ich“

  1. leben eben …

    ergänzend zu deinem schluss ein paar zeilen von erika pluhar

    … natürlich kannst du ohne mich leben,
    genauso, wie ich ohne dich leben kann.
    aber wir werden niemals wieder ohne einander leben,
    ohne das bewußtsein, das wir voneinander haben.

    aus: als gehörte eines zum anderen

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