Freundschaft, Liebe und enttäuschte Erwartungen

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Eine Woche nach meiner Ankunft in Berlin traf ich mich mit Lisa im Thai-Park. Das Wetter und meine Laune waren großartig, doch Letzteres änderte sich schlagartig, als ich Lisa von Weitem kommen sah. Ihr Körper bestand nur noch aus Haut und Knochen und ihr Gesicht aus Augenringen und einem gezwungenen Lächeln. Mit hängenden Schultern schob sie sich mühsam in meine Richtung. Ich stand auf und lief ihr entgegen.

„Lisa, geht´s dir gut?“, rutschte mir heraus, als ich vor ihr stand.

„Naja, nicht wirklich. Ich war seit Wochen nicht mehr in der Sonne.“, antwortete sie leise. Ihre Stimme war genauso dünn geworden wie sie selbst.

„Warum nicht?“, fragte ich ungeduldig.

„Ich habe mich vor Fabian versteckt.“

„Welcher Fabian?“

„DER Fabian!“, seufzte Lisa und setzte sich auf die Wiese.

„Seit wann hast du denn Angst vor ihm?“

Lisa und ich hatten Fabian zusammen mit seinem Freund Leon kurz vor meiner Abreise in einer Bar kennengelernt und anschließend in den Club „40 seconds“ begleitet. Danach unternahmen wir viel zu viert, manchmal zu dritt ohne Leon, häufig trafen sich Lisa und Fabian auch nur zu zweit. Die beiden verstanden sich ohne Worte.

Eines Abends saßen Lisa und ich in ihrem Zimmer und schauten einen Film auf Netflix. Alle zwei Minuten warf sie unzusammenhängende Kommentare in den Raum, die von Fabian handelten. Als jemand im Film ein Glas Wasser trank, rief sie begeistert aus:

„Hey, Fabian hat dasselbe Glas!“

Ich nahm die Fernbedienung, schaltete den Fernseher auf stumm, drehte mich zu ihr und fragte:

„Lisa, möchtest du mir etwas sagen?“

„Was denn?“

„Vielleicht, dass du dich in Fabian verliebt hast?“

„Waaas? Ist ja gar nicht wahr!“, leugnete Lisa mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ich fragte mich, ob sie meine Feststellung sowohl überraschte als auch glücklich gemacht hatte, oder ob sie Probleme hatte, ihre Lachmuskeln zu kontrollieren.

„Ok!“, sagte ich und schaltete den Ton wieder an.

„Wir sind Freunde.“, erklärte Lisa fröhlich.

„Gut.“

„Wir haben uns irgendwann zwischen dem ersten und dem letzten Treffen gefriendzoned. Aber es ist auch gut so. Typen kommen und gehen, aber Freunde bleiben für ewig.“

„Das hoffe ich.“

„Ich bin auf jeden Fall froh, dass alles so ist, wie es ist.“

Zwei Monate später klingelte mein Telefon, als ich im Büro in Melbourne saß. Ich wies den Anruf mit der Mitteilung ab, dass ich gerade arbeiten musste. Sofort kam Lisas Antwort:

„SOS!!! Ich habe mit Fabian geschlafen!“

In der Mittagspause rief ich sie zurück und erfuhr, dass sie am Abend zuvor mit Fabian in einem Club gewesen sei. Anschließend fuhren sie zu ihm nach Hause, weil Lisa zu betrunken war, um allein den weiten Weg zu ihrer Wohnung fahren zu wollen. Als sie zusammen in seinem Bett lagen, waren sie sich näher gekommen.

„Und dann ist es eben passiert!“, sagte Lisa am Telefon. Ich konnte ihrer Stimme nicht entnehmen, ob sie darüber glücklich oder traurig war.

Einige Wochen später schrieb ich mit Fabian über Facebook Messenger. Wie üblich erzählte er mir, was in Berlin passiert sei, wie es ihm ginge und wo er gefeiert hätte. Schließlich kamen wir auf das Thema Lisa und ich fragte ihn, ob er sie die letzte Zeit gesehen hätte. Er verneinte und verabschiedete sich plötzlich. Am Tag danach meldete sich Lisa und erzählte, dass sie sich Hals über Kopf verliebt hätte. In Fabian.

Zwischen diesem Telefonat und Thai-Park lagen mehr als zwei Monate. In der Zwischenzeit hörte ich hin und wieder, wie glücklich und verliebt Lisa sei. Ich freute mich für sie. Als ich in Vietnam ankam, erhielt ich die Nachricht, dass sie mit Fabian in den Urlaub flöge und dass sie sich darauf freute. Das war das letzte, was ich von ihr gehört hatte, bevor ich zurückkam. Weil sie häufig Bilder bei Instagram postete, wusste ich, dass es ihr gut ging und machte mir deshalb keine Sorgen.

Nun saß sie vor mir, mit trauriger Miene und müdem Blick. Ich fragte sie, was zwischen ihr und Fabian passiert sei.

„Er hat eine Andere. Schon in Italien. Wir waren feiern und haben sie da kennengelernt. In der gleichen Nacht ist er zu ihr gegangen. Erst hat er es mir noch verheimlicht, aber Leon hat´s dann beim Frühstück ausgeplaudert.“

„Leon war mit im Urlaub?“

„Ja, und Fabians Schwester.“

„Ich dachte, ihr hattet Pärchenurlaub gemacht.“

„Ne, wir waren kein Pärchen und die anderen wussten auch nicht mal, dass wir was miteinander hatten. Deswegen hat sich Leon auch verquatscht.“

„Habt ihr am Anfang darüber geredet, was ihr füreinander seid?“

„Wir haben darüber geredet, dass wir dem Ganzen keinen Namen geben wollten. Ich war eine Idiotin. Ich habe die Zeichen falsch gedeutet und dachte, dass er mich auch liebte.“ Lisa hörte auf zu Reden und tupfte ihre Nase mit einem Taschentuch. Als sie fertig war, sah sie mich an und sagte:

„Ich habe mich zum ersten Mal in jemanden verliebt und er hat mich nur verarscht. Ich hasse den Typen!“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also nahm ich sie in den Arm. Im Lauf des Tages redeten wir darüber, was wir in den kommenden Wochen zusammen unternehmen wollten und wie Lisa ihren Optimismus wieder gewinnen konnte. Irgendwann schien sie Fabian für einen Augenblick vergessen zu haben und schenkte mir ein Lächeln. Es war fast, als wäre ich nie weggewesen und alles noch beim Alten geblieben.

Letzte Woche traf ich Lisa wieder. Sie hatte ihr Idealgewicht wieder erreicht, ihre Augen leuchteten und sie strahlte vor Lebensfreude. Sie teilte mir mit, dass sie jetzt vollkommen über Fabian hinweg sei und sich nur noch auf sich selbst konzentrieren und Dinge machen wollte, die ihr gut tat. Dann wurde sie auf einmal ernst:

„Es hat aber etwas Gutes. Ich bin mit dieser Erfahrung gewachsen und ich habe viel daraus gelernt. Ich habe gelernt, dass man in jeder Beziehung immer offen und ehrlich zueinander sein muss und dass Taten immer Konsequenzen mit sich bringen.“

Ich musste bei dieser weisen Aussage an Südlich der Grenze. Westlich der Sonne von Haruki Murakami denken. Darin erkannte der Protagonist, dass er mit seinem Verrat seiner Freundin irreparable Schäden zugefügt hatte, wovon sie sich nie wieder erholen konnte. Er sagte im Nachhinein, dass er damals nicht wusste, dass man jemanden mit seinem Verhalten, mit seiner bloßen Existenz so sehr verletzen könnte. Aber er hatte nicht nur ihr wehgetan, sondern auch sich selbst und mit den Konsequenzen hatte er viele Jahre zu kämpfen. Zum Glück erging es Lisa nicht wie der betrogenen Freundin im Roman. Zum Glück hatte sie rechtzeitig erkannt, dass das Leben wertvoll ist und man sich selbst immer lieben muss.

„Hey, du hattest doch neulich ein Buch von diesem japanischen Autor dabei“, bemerkte Lisa, als wir an einer Buchhandlung vorbeischlenderten. „Darf ich es mir mal ausleihen?“

Ich dachte, wie unheimlich es sei, dass wir gleichzeitig gedanklich auf dasselbe Buch kamen. Ich würde ihr das Buch ausleihen und sie würde es sicherlich mögen.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

2 Kommentare zu „Freundschaft, Liebe und enttäuschte Erwartungen“

  1. Liebe hat immer etwas Egoistisches. Wenn ich mit Jemanden in Liebe bin, entscheide ich mich dafür, meine Liebe dorthin zu geben. Wen oder wie der andere liebt, das kann ich nie wirklich wissen. Wer etwas begehrt, wird zwangsläufig leiden müssen.

    Was ist der Unterschied zwischen Liebe, und verliebt sein?

    Danke Thao, klasse geschrieben!

    Gefällt mir

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