Tango, gekaufte Liebe und Mojito

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Der Sommer kehrte zurück und lockte mich zum Monbijoupark, einem meiner Lieblingsplätze in Berlin. Zusammen mit einem Freund saß ich vor dem Amphitheater auf einem gemütlichen Liegestuhl, trank Mojito und beobachtete die fröhlichen Leute, die am Spreeufer unter bunten Lichtern Tango tanzten. Die Musik war entspannend und wir waren beide bereits etwas angetrunken. Von guter Laune getrieben, forderte er mich zum Tanzen auf. Obwohl ich mich an keinen einzigen Schritt erinnerte, ließ ich mich von ihm überreden und zur Tanzfläche ziehen. Hätte ich uns dabei beobachten können, wäre ich wahrscheinlich vor Scham gestorben.

Als wir nicht mehr stehen konnten, ging ich zurück zu meinem Platz und er zur Bar, um noch mehr Mojitos zu bestellen. Die Ruhe ließ mich an das Gespräch denken, das wir zuvor geführt hatten. Es war noch Spätnachmittag als wir über die Oranienburgerstraße schlenderten und er mich plötzlich fragte:

„Was denkst du, wieviel diese Frau verdient?“. Dabei zeigte er mit seinem Kinn auf eine am Straßenrand stehende, leicht bekleidete junge Dame. Man muss nicht besonders welterfahren sein, um zu ahnen, welchen Beruf diese ausübte.

„Ähm… ich habe keine Ahnung. Warum fragst du?“

Dann erzählte er mir, dass er ein Jahr zuvor eine alte Klassenkameradin in seiner Heimat getroffen habe. Die beiden hatten sich seit Jahren nicht gesehen und sie teilte ihm mit, dass sie nun in Berlin wohne. Da er vorhatte, ebenfalls nach Berlin zu ziehen, war er froh, dass dort bereits eine Bekannte lebte. Wenige Monate danach zog er nach Berlin und meldete sich bei ihr. Nach Wochen schafften sie es endlich, sich zu verabreden. Sie gingen essen, redeten über die alten Zeiten und über das aktuelle Leben. Schließlich fragte er sie, was sie in Berlin mache. Statt zu antworten, holte sie ihren Autoschlüssel aus der Tasche  und bedeutete ihm, ihr zu folgen. Sie fuhren an vielen Straßen vorbei und hörten dabei Musik, es war ein Sommertag wie der heutige. Irgendwann hielt sie am Straßenrand an und sagte ihm, dass sie hier arbeite. Als er sie verständnislos ansah, erklärte sie ihm, sie sei eine Edelprostituierte.

„Drei Hundert Euro pro Besuch“, sagte er enthusiastisch. „Und die Arbeit scheint ihr Spaß zu machen“.

Ich versuchte, mir jemanden auszumalen, der Spaß dabei hatte, Sex zu verkaufen, jedoch wollte mir die Vorstellung nicht gelingen. Stattdessen musste ich an Frauen denken, die Opfer von Zwangsprostitution wurden. Ist nicht jede Prostitution eine Zwangsprostitution, weil das der letzte Ausweg ist? Ich musste an eine Freundin denken, mit der ich als Kind viel Zeit verbracht hatte. Ich war die Einzige, die jemals bei ihr zu Hause war. Einmal spielten wir im Hof, als ihre Mama nach Hause kam und allerlei Süßigkeiten und Spielzeug mitbrachte. Wir aßen, spielten und waren glücklich. Als ich bei mir zu Hause war, erzählte ich meiner Cousine davon und sie sagte, dass die Mutter meiner Freundin ihr Geld mit Prostitution verdient habe. Ich verstand nicht und ignorierte sie. Als ich älter wurde, gingen mehr solcher Gerüchte in unserem Dorf um. Meine Freundin wurde immer zurückhaltender und hatte sich schließlich von uns allen, auch von mir distanziert. Kurz danach zog ich nach Deutschland. Drei Jahre später kam ich zurück und ging zu ihrem alten Haus, aber dort wohnte bereits eine neue Familie. Die Nachbaren sagten mir, dass sie vor einer Weile die Schule abgebrochen habe und die Familie, kurz bevor ich zurück kam, umgezogen sei. Ich konnte nicht ausfindig machen, wohin sie zog.

„Was macht sie in ihrer Freizeit?“, fragte ich meinen Freund über seine Freundin, um mir ein Bild von ihr machen zu können.

„Sie macht das, was jeder normaler Mensch gern macht. Sie geht aus, schaut fern, liest Paul Auster…“

„Sie liest Paul Auster?“ Fragte ich ungläubig, weniger, weil ich es mir nicht vorstellen konnte, dass eine Edelprostituierte Paul Auster las, sondern viel mehr, weil ich überrascht war, dass ausgerechnet einer meiner Lieblingsautoren in diesem Kontext erwähnt wurde.

„Ja, ich war bei ihr zu Hause. Sie hat alle seine Bücher in ihrem Regal.“ Antwortete er grinsend. „Ob du es glaubst oder nicht, sie war ziemlich intelligent.“

„Ich glaube dir! Auch wenn ich den Beruf nicht gutheiße, versuche ich, die Menschen, die diesen ausüben nicht zu verurteilen. Ich habe auch kein Recht dazu.“ Sagte ich und meinte es wirklich so. „Aber warum hat sie keine Arbeit, bei der sie ihre Intelligenz auch nutzen kann?“

„Nenn mir eine Arbeit, bei der man drei Hundert Euro in einer halben Stunde verdient!“

„Also geht es doch nur ums Geld!“

„Ich weiß es nicht. Aber grüble nicht so! Ich weiß, du bist eine Feministin, aber der Feminismus sagt doch auch, dass die Frau mit ihrem Körper machen kann, was sie will.“

Mit zwei Mojitos stand meine Begleitung hocherfreut vor mir und holte mich zurück in die Realität. Ich war so mit meinen Gedanken beschäftigt, dass ich vergessen hatte, ihm einen Platz neben mir freizuhalten. Zusammen gingen wir durch die Menge, um zwei freie Stühle zu finden.

Ich sah in die glücklichen Gesichter der mir unbekannten Menschen und stellte die Frage, ob jemand unter ihnen Liebe kaufte oder verkaufte. Ich verstand den Standpunkt meines Freundes, aber ich konnte meine Meinung nicht ändern. Vielleicht war ich zu engstirnig, zu irrational, vielleicht hatte ich zu viele Vorurteile.

„Denkst du immer noch darüber nach?“ Fragte der Freund, als wir uns an einen Tisch setzten.

„So bin ich, ich kann nicht aufhören, nachzudenken. Wir sind, wer wir sind, nicht wahr?“

„Ja, du hast Recht, John Irving!“

Wir lachten beide. Noch eine Weile saßen wir nur da und genossen die Musik, den warmen Wind und die Atmosphäre. Als ich später allein in der Tram saß und durch die Fensterscheibe auf die Straße schaute, sah ich eine Prostituierte, die sich gerade mit einem Mann unterhielt. „Auf dieser Straße gibt es so viele von ihnen“, dachte ich, als mein Handy vibrierte. Der Freund hatte mir eine Nachricht geschickt: „Das Leben ist ein Mojito. Weniger denken, mehr genießen!“. Ich lächelte und schob das Handy zurück in meine Tasche. Ja, das Leben ist ein Mojito.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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