Erinnerungen

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Gerade sitze ich in meinem Bett und Sputnik Sweetheart von Haruki Murakami liegt halb geöffnet neben mir und starrt mich herausfordernd an. Einige Sekunden zuvor habe ich zu lesen aufgehört, um meinen Freunden folgende Zeilen zu senden:

„Ich bin jetzt auf der Seite 230. 230 von 234. Nur noch vier Seiten und dann ist es zu Ende. Nun stehe ich vor der Entscheidung,ob ich es jetzt, morgen oder gar nicht mehr weiterlesen soll. Warum nicht mehr weiterlesen? Weil mir das Ende Angst einjagt. Ich habe keine Angst davor, zu wissen, wie die Geschichte endet. Ich habe auch keine Angst davor, dass das Ende mich empören, enttäuschen oder aufwühlen könnte. Ich habe nur Angst davor, dass es vorbei ist. Dass ich in einigen Minuten die letzte Seite erreicht habe und plötzlich nur noch die Innenseite des Buchrückens wehmütig anstarren werde. Wie würde es mir wohl gehen?“

Meine engsten Freunde werden erkennen, dass es dabei nicht nur um das Ende eines Buches geht, obwohl ich bei Büchern bereits mehrmals melancholisch wurde, nachdem ich die letzte Seite nach links geblättert habe. Es ist, als verlasse man einen Ort, an dem man nie wieder zurückkehrt. Als verabschiede man sich für immer von einem geliebten Menschen.

Von Abschieden kann ich die letzte Zeit ein Lied singen. Ein sehr langes, schönes und wehmütiges Lied. Denn ich war fünf Monate in Australien und in Vietnam. Ich hatte die schönsten Landschaften gesehen, aufregende Abenteuer erlebt, großartige Menschen kennengelernt, tolle Freundschaften geschlossen. Ich habe gelacht und geweint. Ich habe gelebt und geliebt. Nun bin ich zurückgekehrt und mein Herz hängt noch irgendwo in der Welt und die Mühe scheint zu groß zu sein, es zurückzuholen.

Wenn man von Erinnerung spricht, spricht man wahrscheinlich selten von nur einer bestimmten. In meinem Kopf tanzen Bilder unterschiedlicher Farben aus unterschiedlichen Zeiten und von unterschiedlichen Orten. Ich sehe Menschengesichter flüchtig vorbeiströmen und höre ein Stimmengewirr. Ich fühle gleichzeitig die Hitze und die Kälte auf meiner Haut, ich spüre die Sonne und den Regen, die Umarmungen, den Wind an meiner Wange, den Sand unter meinen Füßen, ich höre Melodien in meinem Ohr. Ich erinnere mich an damals und vermisse.

Ich vermisse die Straßen in Melbourne mit all ihrer Schönheit und ihrer Besonderheit. Eines Abends im Herbst saß ich stundenlang vor dem Einkaufszentrum in Melbourne Central, weil ein Musiker einen tollen Song nach dem anderen gesungen und mich tief berührt hat. Es war schneidend kalt und ich hatte nicht mal eine Jacke an, aber die Musik hat mich gewärmt. Es war einer meiner schönsten Abende in Australien.

Ich vermisse meinen Praktikumsplatz und meine Arbeitskollegen, die Events, die wir gemeinsam besucht haben. Ich vermisse die Gespräche, das Lachen und sogar den Stress. Ich vermisse meine Mitbewohnerin, ihren Humor, ihr Lächeln, die gemeinsamen Tage mit ihr. Ich vermisse die Menschen, denen ich auf verschiedenen Wege kennengelernt habe. Ich vermisse die Pinguine und die Sonnenuntergänge am St. Kilda Pier.

Ich vermisse unseren Roadtrip durch Australien. Ich vermisse das Campen, die Autofahrten, die Songs, die wir dabei hörten. Ich vermisse das Popcorn-Machen, das Lagerfeuer, das Frieren und die Witze. Ich vermisse das Gefühl, rücklings auf der Motorhaube zu liegen, den kalten Wind im Gesicht zu spüren und dabei die überwältigend faszinierende und mystische Milchstraße zu beobachten. Wieviele Sternschnuppen habe ich in dieser Nacht gesehen?

Ich vermisse meine Heimat Vietnam, die warmen Gesichter meiner Verwandten, das laute, unschuldige Lachen der Kinder meiner Cousinen. Ich vermisse das Gefühl, eine große Familie zu haben, die für einen da ist, egal was geschieht. Ich vermisse die überfüllten Straßen und Märkte, die merkwürdigen Unterhaltungen, das wunderbare Essen und meinen einzigartigen Reisegefährten.

Manchmal wünsche ich, die Zeit zurückdrehen und noch mal in diesen Erinnerungen leben zu können. Manchmal ärgere ich mich, dass ich damals nicht jede Sekunde eingesaugt und genossen habe, die mir gegeben wurde. Irgendjemand hat mal gesagt, es ist sowohl ein Segen als auch ein Fluch, alle Gefühle so intensiv zu erleben. Intensiv ist das einzig richtige Wort, das diese Zeit beschreibt.

Ich nehme Sputnik Sweetheart wieder in die Hand und beende das Buch. Man muss der Wahrheit ins Gesicht sehen und das Ende hinnehmen. Vielleicht werde ich meine Sputniks eines Tages wiedersehen.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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