Das Leben

img_0843

Ich saß in der kleinen Bibliothek in Melbourne Central und las. Gerade, als mein Buch spannend war, wurde ich von einem fortwährenden Rascheln abgelenkt. Ich schaute hoch. Drei Meter vor mir saß ein Mann des mittleren Alters und hielt eine Zigarette in der Hand. Offensichtlich hatte er diese zuvor aus seinem Koffer herausgeholt, welcher zu seinen Füßen lag.

„Sie wollen hier doch nicht etwa rauchen?“, fragte ich erbost.

„Nein, nein, ich halte sie nur in der Hand“, antwortete der Mann lächelnd und hob dabei kurz die Hand mit der Zigarette. „Das beruhigt mich!“

Das kam mir irgendwie bekannt vor. Ich musste etwas Ähnliches schon mal in einem Film gehört haben. Aber in welchem?

Ich versuchte, weiter zu lesen, aber der Mann führte die kleine Unterhaltung fort, indem er mich anstrahlte und mir meine „Lieblingsfrage“ stellte.

„Woher kommst du?“

„Aus Deutschland, aber ich bin in Vietnam geboren. Und Sie?“, antwortete ich und schlug das Buch zu.

„Ich bin aus Italien. Ich wohne hier seit über 20 Jahren.“

Dann fiel mir seine Aussage ein und ich fragte ihn, in der Hoffnung, nicht neugierig zu wirken: „Warum müssen Sie beruhigt werden?“

„Ähm… Familie, Job, das Leben…“ Das Lächeln verschwand plötzlich aus seinem Gesicht.

„Rauchen Sie sonst?“

„Nein, wieso? Du etwa?“

„Nein!“, lächelte ich.

„Das ist eine weise Entscheidung!“, nickte mir der Unbekannter zu und führte fort: „Was liest du gerade?“. Er hob dabei das Kinn und schaute in die Richtung meines Buches.

„Twenties girl.“

„Gefällt es dir?“, fragte er und machte dabei ein sehr ernstes Gesicht.

„Ich bin noch nicht so weit gekommen, aber bis jetzt gefällt es mir ganz gut.“

„Du bist öfter hier, oder?“

„Woher wissen Sie das?“ Fragte ich irritiert.

„Ich habe dich hier schon zweimal gesehen. Mittwoch vor zwei Wochen und letzte Woche am Sonntag.“

Für einen kurzen Moment fand ich ihn unheimlich, aber seine freundlichen Augen und sein Lächeln machten ihn unglaublich sympathisch.

„Du bist neu in Melbourne, oder?“

„Ja. Woran erkennen Sie das?“

„An deiner Art, alles anzusehen, als wäre es aufregend.“

„Es ist alles aufregend!“

„Anscheinend nicht, wenn man hier geboren und aufgewachsen ist. Meine Tochter will woanders hin.“

„Wohin denn?“

„Nach Europa… Du bist aus Europa. Das sehe ich an deiner Art. Du verhälst dich nicht wie eine Asiatin. Du verhälst dich europäisch.“

„Wie verhält man sich europäisch?“

„Wie du!“

Und wir beide lachten.

„Warum bist du hier?“

„Sie meinen in Melbourne? Oder in dieser Bibliothek?“

„In Melbourne.“

„Ich mache hier ein Praktikum…“

Ich erzählte ihm von meinem Studium, vom Goethe Institut, vom Couchsurfing. Als ich fertig war, sah er mich erst prüfend an, dann fragte er:

„Und warum bist du wirklich hier?“

„Sie meinen, das Praktikum reicht nicht als Grund, ins Ausland zu gehen?“

„Doch! Und gerade ich würde jede Gelegenheit nutzen, um die Welt zu bereisen. Aber bei dir ist das nicht nur das. Es steckt viel mehr dahinter. Und ich würde sagen, dass du entweder vor etwas geflüchtet bist oder hier deinen verlorenen Traum finden willst.“

„Es klingt, als sprächen Sie aus Erfahrung?“

„Ist das deine Art, auf Fragen zu antworten?“

Ich antwortete nicht. Für einen Moment fand ich diesen Mann unverschämt. Was fiel ihm ein, so tief in meine Seele blicken zu wollen?

„Darf ich etwas vermuten?“, schaute mich der Mann halb amüsiert, halb traurig an.

„Nur zu!“, antwortete ich leicht ängstlich. Aus irgendeinem Grund hatte ich Angst vor dem, was er mir sagen wollte.

„Du hast viele Träume, nicht wahr? Und du bist glücklich, aber niemals zufrieden mit dem, was du hast? Du willst immer mehr, immer etwas anderes. Du willst immer woanders sein, weil es überall besser zu sein scheint als das „hier“. Du denkst, wenn du weiter gehst, wirst du das finden, wonach zu suchst, wobei du selbst nicht weißt, was das ist. Vielleicht dich selbst. Vielleicht das, was dir Seelenfrieden geben soll. Vielleicht deine große Liebe… Aber soll ich dir etwas verraten? Du wirst es niemals finden! Es ist wie das Versteckspiel. Du jagst einem Schatten nach. Und am Ende wirst du allein sein. Du wirst in einer kleinen Bibliothek sitzen, wartend, ohne zu wissen, worauf. Es ist das Leben!“

Er hörte auf zu reden und starrte mich impulsiv an. Ich sah ihn in die Augen und sah etwas Sanftes.

„Es tut mir leid.“, sagte ich leise, fast flüsternd.

Dann stand er auf, sammelte seine Sachen zusammen, schweigend. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, außer ihm zuzusehen. Es war einer der Momente, in dem ich mich fehl am Platz fühlte. Mein Körper fühlte sich falsch an. Meine Arme fühlten sich an, als gehörten sie nicht zu mir. Sie hingen an meinem Körper herunter. Ich hob sie und machte seltsame Bewegung mit ihnen. Endlich drehte sich der Mann zu mir und sprach mit einer Stimme, die klang, als käme sie vom Weitem.

„Mach nicht den gleichen Fehler wie ich, ok?“

Ich antwortete nicht. Aus irgendeinem Grund glaubte ich für einen Augenblick, dass ich träume.

Dann verließ der fremde Mann die Bibliothek. Der fremde Mann, der mir seine Reue verriet. Hatte er Recht mit dem, was er sagte? Suchte ich nach etwas? Was suchte ich hier? Gehörte ich zu den Menschen, die niemals zufrieden sein können? Und hatte er Recht, dass das Gesuchte niemals gefunden werden kann?

Als ich keinen Gefallen mehr an der Leere der Bibliothek finden konnte, ging ich in die frühe Herbstnacht. Alles, was der Mann sagte, machte mich traurig. Im Zug dachte ich darüber nach, wie sein Leben war und ist. Werde ich auch so enden? Hatte der Fremde meine tiefsten Ängste offen gelegt?

Dann lachte ich selbst über meine Überlegung. Die Antwort war „Nein“. Ich werde nicht so enden, voller Reue und Traurigkeit. Davor habe ich keine Angst, weil ich bereits jede Minute meines Lebens genieße. Ich bin jede Zeit bereit, ins kalte Wasser zu springen, um meinem Traum zu folgen. Ja, das bin ich wirklich geworden. Es gibt nichts, wovor ich mich fürchten muss. Nicht, seit ich Australien habe.

Schließlich fiel mir ein, aus welchem Film ich die Situation mit der Zigarette kannte. In „Das Leben ist ein Verräter“ hält Augustus eine Zigarette in der Hand, weil er Angst vor dem Fliegen hatte. Früher hatte ich auch Angst vor dem Fliegen. Aber jetzt nicht mehr.

Advertisements

Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s