Gespräch am Nebentisch

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„Soll ich ihn verführen?“ lautet die Frage auf dem Display der Frau, die vor mir sitzt. Ich weiß, es gehört sich nicht, fremde Nachrichten zu lesen, aber ich stehe in einer überfüllten Tram und es lässt sich nicht vermeiden, dass der Blick an einem weißen Iphone 6 hängen bleibt. Ich überlege kurz, ob ich weiter das Handy unauffällig beobachten soll, um die Antwort meiner Mitreisende zu lesen, aber das hat sich dann erledigt, als diese die Nachricht unbeantwortet wegdrückt, um Facebook anzuschalten. Was für mich bleibt, ist die Frage, wer und welche Geschichte hinter der Nachricht stecken.

Mein eigenes Handy holt mich schließlich aus meinem Gedanken heraus. Meine Verabredung hat mich benachrichtigt, dass sie sich verspätet. Ich steige aus der Tram und nutze die Wartezeit, um von Flinders Street zu Melbourne Central spazieren zu gehen. Wie jedes Mal, wenn ich die Swanston Street entlang gehe, bin ich fasziniert von der belebten Stadt und den vielen Künstlern, die am Straßenrand sitzen und die Vorbeigehenden mit ihrem Talent beglücken.

Als ich das Einkaufszentrum in Melbourne Central betrete, schlägt die Uhr 6. Ein paar Dutzend Menschen versammeln sich im Erdgeschoss und schauen hoch zu der Uhr, die sich zu jeder vollen Stunde öffnet und Musik macht. Ich bleibe ebenfalls stehen und blicke lächelnd hoch. Nach einigen Sekunden bemerke ich im ersten Obergeschoss eine sich am Gelände lehnende Frau, die mir irgendwie bekannt vorkommt, die sich gerade mit einem Mann unterhält. Schließlich fällt mir doch ein, woher ich sie kenne: Das ist die mit dem Iphone 6. Ich überlege kurz, zu ihr hinzugehen und ihr Gespräch zu belauschen, aber der Gedanke scheint mir albern zu sein. Als meine Verabredung kommt, fahre ich mit ihr in das Untergeschoss. Wir setzen uns in ein volles japanisches Restaurant und sichten die Speisekarte. Nach der Bestellung geht sie auf die Toilette, und aus irgendeinem Grund zieht das Gespräch zweier Frauen am Nebentisch meine Aufmerksamkeit an.

„Ich kenne sie zwar noch nicht so lang, aber ich kann dir sagen, dass sie ein guter Mensch ist. Und dieser Vollidiot hat sie nicht verdient!“, sagt die erste Frau – Mitte zwanzig, groß, schlank und bildhübsch.

„Und was hat sie jetzt vor?“, fragt die zweite – Ende zwanzig, mittelgroß, kinnlange Haare, ebenfalls bildhübsch.

„Ich soll seine Treue testen und ihn verführen“, antwortet die jüngere entspannt.

„Er ist dein Arbeitskollege!“, reagiert die ältere erbost.

„Und sie ist meine Freundin! Ich will ihr helfen, von ihm loszukommen. Er macht sie unglücklich.“

„Und was ist, wenn er nicht auf dich anspringt? Nicht, dass ich deine Anziehungskraft anzweifeln würde. Aber was passiert, wenn er nichts mit dir anfangen will? Ist er dann plötzlich gut für sie?“

„Nein, er ist ein Arschloch, selbst wenn er sie nicht mit mir betrügen würde. Aber sie braucht diesen Beweis, weißt du?“

In diesem Moment kommt meine Verabredung zurück und erzählt mir etwas von einer langen Warteschlange vor der Damentoilette. Ich höre ihr nicht zu und konzentriere mich stattdessen auf die Unterhaltung der Frauen.

„Wann hast du vor, das zu tun?“, fragt die Kurzhaarige interessiert.

„Da ist diese Firmenfeier am Freitag. Ich werde den ganzen Abend bei ihm bleiben, ihm viel zu trinken geben und ihn am Ende zu mir einladen. Im Taxi werde ich ihr schreiben und ihn direkt zu ihr bringen.“, sagt die Schöne und steckt sich eine Scheibe Gurke in den Mund.

„Meinst du, das funktioniert?“

„Ich weiß es nicht. Ich muss das einfach ausprobieren.“

„Und er weiß sicher nicht, dass du seine Frau kennst?“

„Nein! Niemand von meiner Firma weiß, dass ich den Poledance-Kurs besuche.“

„Thao, hörst du mir zu?“, fragt mich mein Gegenüber und reißt mich aus der spannenden Geschichte.

Noch bevor ich antworten kann, werde ich wieder von den unbekannten Frauen abgelenkt. Sie stehen auf, ziehen ihre Jacken an und gehen.

„Oh nein,“, jammere ich.

„Ok, soll ich gehen?“, fragt meine Begleiterin schockiert und beleidigt zugleich.

„Nein, bleib! Es tut mir leid, dass ich so abgelenkt war. Es ist diese verrückte Geschichte.“

Ich erzähle ihr von der Iphone-6-Besitzerin und der Nachricht, dann von den soeben hier gewesenen Frauen. Zusammen überlegen wir, ob das hübsche Mädchen die Absenderin der Nachricht auf dem Iphone 6 ist.

„Was ist, wenn sie es ist. Beide Parteien sind gerade hier. Was ist, wenn sie aufeinander treffen?“, bemerkt meine Verabredung.

„Entweder wird es ihn davon abhalten, etwas mit ihr anzufangen oder er wird das erst recht wollen, nachdem er sieht, wie hübsch sie in ihrer Freizeit aussieht.“

„Vielleicht sieht sie bei der Arbeit genau so aus!“

„Aber vielleicht ist ihm ihr Aussehen bis jetzt vor viel Arbeit noch nicht aufgefallen!“

„Wie sieht seine Frau aus?“

„Mitte dreißig, mittelgroß, lange Locken, schön, geheimnisvoll…“

„Was für ein Glück für den Mann!“

„Trotzdem hält es ihn anscheinend nicht davon ab, ein schlechter Mensch zu sein.“

„Anscheinend!“

„Was, wenn nicht? Was, wenn er nur falsch verstanden wird?“

„Wir wissen nicht, was vorgefallen ist. Wir kennen sie nicht, niemanden von ihnen.“

„Trotzdem wüsste ich zu gern, wie die Geschichte ausgeht.“

„Das wirst du nicht! Wir sind nicht im Kino.“, lacht meine Bekannte.

„Könnte das Leben doch so einfach sein wie ein Kinofilm.“

„Aber dann bitte immer mit einem Happy End!“

Zusammen fahren wir mit der Rolltreppe hoch und verlassen schließlich den Shopping Mall. Der Herbstwind ist eiskalt und die Straße ist vom Tau bedeckt. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke hoch und verschränke meine Arme, um mich vor dem Frost zu schützen. In meinem Kopf tanzt noch die Dreiecksgeschichte meiner mir unbekannten Mitmenschen.

„Alles passiert aus einem Grund! Am Ende wird immer alles gut.“, sagt meine Begleitung philosophisch. Ich stimme ihr zu und wir gehen schweigend nebeneinander. Irgendwann an diesem Abend frage ich mich, was der Mann getan haben muss, dass über ihn so gesprochen wird. Wie lebt jemand, der von seiner Frau kein Vertrauen, von seiner Kollegin keinen Respekt hat? Es muss ein trauriges Leben sein.

Aber die Wahrheit werde ich niemals erfahren.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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