Das Ende eines Kapitels

 

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Wir saßen in La La Land in der Chapel Street. Die Wand war rot und das Feuer des Kamins spiegelte sich in seinen Augen. Ich dachte an eine Werbung, die ich von irgendwoher kannte, aber ich erinnerte mich weder an die Details noch an das Produkt, wofür geworben wurde. Wir tranken Rotwein und erzählten einander von der Zeit, in der wir uns nicht sahen. Dann merkte ich zum ersten Mal, dass etwas nicht stimmte. Er wirkte verändert. Sein Lächeln war schwach, selbst das Feuer konnte seine Augen nicht zum Leuchten bringen. Die Unterhaltung verlief schleppend. Ich fragte mich, was passiert war.

Ein paar Treffen später wurde mir klar, dass der gut gelaunte, Lebensfreude ausstrahlende und immer lächelnde Sonnenschein, der mir damals entgegen joggte, nur eine Rolle war, die er spielte. Hinter dieser Maske verbarg sich ein trauriges Gesicht, das inneren Kampf und Schmerz ausdrückte. Was mich dann beschäftigte, war eine Reihe von Fragen.

Wie tröstet man jemanden, der als Kind körperlich und emotional missbraucht wurde? Was sind die richtigen Worte, um ihm zu helfen, sich nicht mehr wertlos zu fühlen?

Er sagte, er sei noch nie gut genug für jemanden gewesen, um geliebt zu werden. Ergab es einen Sinn? Wird man nur geliebt, wenn man gut genug ist? Ich legte meinem Arm um ihn und streichelte seine Haare. Er wich zurück. Ich nahm seine Hand, aber er reagierte nicht drauf. Er starrte nur in die Luft. Ich fühlte mich nutzlos.

Ist eine Welt lebenswert, in der Kinder nach Hause kommen und sich nicht sicher fühlen? Was empfinden Eltern, die diese schutzlosen Geschöpfe misshandeln?

Er erzählte, jetzt sei es das erste Mal, dass er ein festes Zuhause hatte. Davor war er immer auf Reisen und führte ein Leben aus dem Koffer. Er war auf der Flucht, aber überall holte ihn seine Vergangenheit ein. Dann lernte er eine Frau kennen, für die er nach Melbourne zog. Zum ersten Mal konnte er lieben. Aber wieder war er nicht gut genug. Oft dachte er daran, sich das Leben zu nehmen.

Wie muss sich ein Mensch fühlen, der im Tod den einzigen Ausweg sieht?

Er erzählte, es ginge ihm jetzt besser. Er besuchte eine Therapie, aber glücklich sei er immer noch nicht. Für einen Augenblick dachte ich, dass er vermutlich niemals glücklich werden könnte. Dann fühlte ich mich schuldig. Schließlich wünsche ich ihm nichts als Glück und inneren Frieden.

Ich verabschiedete mich von ihm. Ich dachte, wir wären jetzt Freunde, weil er mir seine Geschichte anvertraut hatte. Ich fühlte mich besonders, weil ich dachte, dass ich die Fähigkeit besaß, Menschen zuzuhören und helfen zu können. Aber ich lag falsch. Von dem Moment an, als ich aus seiner Tür ging, schloss er auch seine innere Tür für mich. Es gab keine Anrufe, keine Nachrichten. Er reagierte nicht auf meine Kontaktaufnahmen. Ich beschloss, mich ihm nicht mehr aufzudrängen.

Dann geschah es, dass er mich plötzlich einlud. Obwohl ich gerade mit meinen Freunden unterwegs war, ging ich zu ihm. Er strahlte, als er mich sah. Wir saßen auf seinem Sofa und beobachteten zusammen den schönsten Sonnenuntergang, den man sich vorstellen konnte. Obwohl es so schön war, konnte ich es nicht genießen. Ich hatte Angst davor, dass seine Laune sich änderte. Und diese Angst war berechtigt. Innerhalb weniger Minuten wurde er wieder eiskalt. Er wurde wütend als ich ihn akustisch nicht verstand. Ich sah ihn an und er sah weg. Ich sah aus dem Fenster und er zu seinem Handy. Dann nannte er irgendeine Ausrede, weshalb ich gehen sollte. Ich ging zur Tür und sah aus den Augenwinkeln, wie er in sein Handy tippte. Ich schloss die Tür und ging zum Aufzug…

Es wird das letzte Mal sein, dass ich diesen Knopf betätige. Es wird das letzte Mal sein, dass ich aus diesem Gebäude gehe. Es wird das letzte Mal sein, dass ich ihn treffe.

Selbst im Nachhinein konnte ich nicht sagen, ob ich das Richtige getan hatte. Aber die Entscheidung lag nie bei mir, er traf sie immer für mich. Vielleicht wollte er es mir leicht machen, mich von ihm loszureißen. Vielleicht wollte er sich selbst schützen. Aber vielleicht bedeutete mir die Freundschaft weit mehr als ihm und vielleicht hatte ich unsere Zeit nur verschwendet. Manchmal kam mir der Gedanke, dass ihm etwas passieren könnte, aber was könnte ich schon dagegen tun? Könnte ich ihm helfen, wäre ich hartnäckig geblieben? Hatte ich egoistisch und verantwortungslos gehandelt, als ich gegangen war? Oder nahm ich mich in dieser Situation nur zu wichtig? Auch mein Verhalten hatte etwas mit Selbstschutz zu tun. Einerseits wollte ich ihm zeigen, dass er wichtig war, andererseits mochte ich mich nicht lächerlich machen, indem ich unreflektiert etwas aufrecht zu erhalten versuchte, was nur in meinem Kopf existierte. Ich wollte ihm nicht das Gefühl geben, alles mit mir machen zu können. Ich hatte Verständnis für ihn, aber auch ich konnte Schmerz empfinden und dem Anschein nach tat er alles, um mir weh zu tun… Aber zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, empfand ich nichts. Ich dachte an die Gefühle, die ich haben sollte oder könnte, wie Wut, Trauer, Bedauern und Mitleid. Aber ich fühlte nichts.

Als ich sein Gebäude verließ und mich an der Tramhaltestelle hinsetzte, zog ich ein Buch aus der Tasche und las. Ich schaffte drei Sätze und musste wieder hochblicken. Mein Kopf war nicht in der Lage, etwas aufzunehmen. Ich sah zu den Royals Botanic Gardens, wo ich ihn zum ersten Mal traf.

Werde ich je wieder dahin gehen können?

Das sollte das Ende sein. Das Ende eines Kapitels.

 

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

Ein Gedanke zu „Das Ende eines Kapitels“

  1. Sehr eingängig, man kann mit der Protagonistin mitfühlen. Gleichzeitig schön das Dilemma aufgezeigt, wie schwierig es ist, in einer Beziehung, egal ob Freundschaft oder Liebe, helfend einzugreifen. Der Liebende muß akzeptieren und kann nicht weglaufen. Der Helfende soll ändern und muß, weil das anstrengend ist, irgendwann Feierabend machen, nach Hause gehen, sich abgrenzen.

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