Zwischen Couch und Garten

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Mittlerweile wurde der Royal Botanic Gardens mein Zufluchtsort. Wenn ich die Inspiration verloren habe, gehe ich hierher und finde sie wieder. Häufig sitze ich an einem Teich, an dem sich Enten versammeln. Umrandet von grünen Hügeln, ist dieser Platz geradezu idyllisch.

Ich denke oft darüber nach, wie das Couchsurfing mich verändert hat. Ich habe gelernt, zu vertrauen und dabei erkannt, was für ein schönes Gefühl es ist. Gerade die Woche mit Mai hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, sein Herz zu öffnen und Menschen hineinzulassen. Mein letzter Abend mit ihr kommt mir vor wie der Abend vor einer langen Reise. Dann ziehe ich zu Jon. Auch wenn er nicht Mai ist, so ist die Zeit mit ihm recht schön. Er ist ein Multitalent und ein Sportfreak. Es gibt fast nichts, was er nicht kann. Jeden Morgen steht er um 6:30 auf und geht joggen. Danach bringt er mir Yoga, Hip Hop und Boxen beim Sonnenaufgang bei. Die Aussicht von seinem Wohnzimmer ist großartig. Jeden Morgen, wenn ich die Augen öffne, sehe ich von der Couch aus den orangefarbenen Himmel. Wer steht da nicht gern auf?

In dieser Woche fühle ich mich oft unwohl und dafür gibt es verschiedene Gründe. Der Hauptgrund ist jedoch, dass ich es vermisse, ein Zuhause zu haben. Ich will nicht mehr das Leben aus dem Koffer. Ich will nicht mehr von meinem Gastgeber abhängig sein. Ich will Heim kommen und mich zurückziehen, wann auch immer es mir danach ist. Aber es geht leider nicht. Ich stelle mir die Frage, ob ich zu unfrei oder ob es ganz normal sei, dass man nach einem Monat vom Couchsurfen die Nase voll hat.

Am Abend vor Karfreitag gehe ich mit Jon zu dem Latin-Festival in Melbourne. Tanzen kann er also auch. Er bringt mir die Grundschritte bei und so kann ich während des Abends mit verschiedenen Partnern tanzen. Wahrscheinlich bin ich die Einzige, die bei der Veranstaltung keine Profitänzerin ist, aber meine Tollpatschigkeit ist letztendlich das, was mich wieder zum Lachen bringt.

Jon und ich reden und unternehmen viel miteinander. Nach den Tagen kommt er mir vor wie ein Bruder. Ich versuche, ihn mit Mai zusammenzubringen, damit sie mich nicht vergessen, wenn ich wieder nach Berlin zurückkehre. Noch hat es nicht funktioniert, aber gute Dinge brauchen ja bekanntlich Zeit.

Am letzten Abend bringt Jon mir verschiedene Kartenspielen bei. Dabei muss der Verlierer entweder etwas machen, was der Gewinner fordert oder eine ihm gestellte Frage beantworten. Als ich das letzte Mal verliere, muss ich mich auf den Balkon stellen und deutsche Schimpfwörter laut um mich werfen. Jon kann nicht aufhören zu lachen, ich dagegen fürchte mich vor eine Anzeige.

Für die Woche nach Jon hätte ich eigentlich eine Host-Zusage gehabt. Doch als ich mich mit dem Couchsurfer treffe, weiß ich sofort, dass ich keine Stunde mit ihm aushalten würde. Er kommt über eine Stunde zu spät zur Verabredung, kann nicht aufhören, seine Zähne mit dem Finger putzen und jedes zweite Wort, das aus seinem Mund kommt, war ein Schimpfwort. Als ich später dabei bin, ihm in einer Nachricht mitzuteilen, dass ich sein Angebot nicht annehmen werde, werde ich von Couchsurfing benachrichtigt, dass er meine Anfrage doch nachträglich abgelehnt hat. Anscheinend habe ich ihn meine Abneigung deutlich spüren lassen. So kommt es, dass ich wieder zu Mai ziehe.

Als ich mit meinem Gepäck vor ihrer Tür stehe, habe ich kurz das Gefühl, nach langer Zeit endlich zu Hause angekommen zu sein.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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