Im „Ghetto“

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Ich schmecke Blut, meine Lippen bluten. Es ist nach Mitternacht und um mich herum stehen betrunkene Menschen, die die blutenden Lippen verursacht haben. Wird mir nicht sehr oft gesagt, dass Melbourne die sicherste Stadt der Welt sei? Vielleicht bin ich es, die den Ärger immer anzieht?

Seit Kurzem glaube ich, dass alles aus einem bestimmten Grund passiert, auch wenn wir diesen zuerst nicht verstehen. Irgendwann, wenn wir zurückschauen, werden wir den Sinn von allem erkennen. Vielleicht werde ich eines Tages begreifen, warum es gerade gut ist, dass ich meinen letzten Bus nach Hause verpasst habe und deshalb knapp 4 km zu Fuß zurücklegen muss und warum ich mich nicht darüber aufregen soll, dass man mich mit Brot beworfen hat, mitten ins Gesicht. Der Akku meines Handys zeigt 1%. Es ist nicht gut. Es ist alles sogar sehr schlecht.

Später wird mich jemand retten kommen. Aber jetzt steht noch ein Junge vor mir und hält meinen Arm fest. Er fragt zwar, ob es mir gut geht, aber seine Stimme klingt weder besorgt noch interessiert. Er ist sturzbetrunken. Ich ignoriere ihn und gehe weiter, mit der Hand auf meinen Lippen. Er geht mir hinterher. Ich will schneller werden, aber meine hohen Schuhe hindern mich daran. Gerade finde ich Clayton echt zum Kotzen!

Als ich vor fünf Tagen hierher kam, wusste ich, dass es logistisch schwierig sein wird, da Clayton sehr außerhalb liegt. Ich war aber auch froh, mehr von Melbourne kennenzulernen. Dann kam aber Mai, meine Couchsurfing-Gastgeberin, und ich wusste, dass sie es wert sein wird, dass ich jeden Tag über eine Stunde zur Arbeit und in die City fahren muss. Mai ist der perfekte Host und eine tolle Freundin. Sie lächelt und erzählt viel. Es entstand von Anfang an eine Verbindung zwischen uns.

Ich kam am Freitag bei Mai an und am Samstag fuhren wir, zusammen mit der vietnamesischen Studentengruppe in Melbourne, auf die Great Ocean Road. Als ich noch in Berlin lebte, hatte ich keine vietnamesischen Freunde und hatte deshalb befürchtet, dass ich mich in dieser Gesellschaft verloren fühlen würde. Tatsächlich war es anfangs ziemlich nervig im Bus. Als ich gerade die an mir vorbeifahrende Straße in Ruhe genießen wollte, fing einer der Veranstalter an, laut durch das Mikrophon zu verkünden, dass wir jetzt ein Spiel spielen werden, um die Zeit zu vertreiben. Was folgte, war ein einziges Durcheinander aus viel Lachen, Schreien und Sich-übereinander-lustig-machen. Ich bekam Kopfschmerzen und tat so, als würde ich schlafen und steckte mir Kopfhörer in die Ohren. Ich stellte auch fest, dass mein Vietnamesisch ziemlich eingerostet war, besonders später, als einer der Veranstalter mit mir über deutsche Literatur reden wollte. Während des Gesprächs bekam ich ein schlechtes Gewissen, weil ich zuvor so abweisend war. Anders als ich waren die Leute extrem interessiert an einem Austausch und dabei wirkten sie so aufrichtig und warm. Als ich an diesem Abend in meinem Schlafsack lag, beschloss ich, von nun an nur noch offen zu sein.

Mit Mai zusammen zu wohnen fühlt sich an, als wäre es das Natürlichste der Welt. Wir erzählen uns gegenseitig alles und wir haben ähnliche Ansichten über das Leben. Sie ist fürsorglich und hilfsbereit. Selten kann ich jemandem nach so einer kurzen Zeit so sehr vertrauen.

Am Ende war Mai mein rettender Ritter. Aber sie kam nicht auf einem Schimmel angeritten, sondern auf einem Moped, was viel cooler war. Zusammen fuhren wir nach Hause. Ich hielt mich an ihrer Taille fest, um nicht vom Moped zu fallen. Trotzdem hatte ich dabei das Gefühl, unendlich frei zu sein. Und ich dachte insgeheim, dass ich in diesem Moment nirgendswo anders lieber sein möchte, als hinter Mai die leere, dunkle Straße nach Hause zu fahren.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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