Gefühlschaos

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Ich versuchte, meine Gefühle einzuordnen und fand 23 Bezeichnungen, die den Zustand treffend beschrieben, in dem ich mich befand, wobei sich aus den meisten Worten Oxymorons bilden ließen. Ich war nicht verwirrt, es kam nur häufig vor, dass ich Gegensätzliches empfand. Gegensätzliches wie Ruhe und Aufregung, Vertrauen und Angst, Freude und Schmerz. Besonders seit ich in Cairns war, hatte ich jeden Tag gemischte, neue Gefühle. Es war wahrscheinlich die friedliche Atmosphäre, die mein Unterbewusstsein an die Oberfläche holte.

Die Uhr schlug 3. Ich war todmüde, hatte Kopfschmerzen und wollte schlafen. Wahrscheinlich wäre ich jeden Moment in den Schlaf gefallen, wenn nicht Richard da gewesen wäre, und der Gin Tonic. Richard, sein ohrenbetäubendes Schnarchen als Nachwirkung des Gin Tonics und meine Gedanken hielten mich wach. In 32 Stunden würde ich nach Melbourne fliegen und mein letzter Tag in Cairns würde mit einem Kater beginnen. Dabei hatte ich doch noch etwas vor.

Eigentlich hatte ich bereits im Shuttle-Bus vom Flughafen zum Hostel alles von Cairns gesehen, da der Fahrer an jeder Ecke Leute aussteigen ließ. Hier war alles klein. Es gab viele Bäume und man sah die Berge in der Ferne. Ich saß ganz hinten im Bus, meine Schläfe an die Fensterscheibe gelehnt. Ich dachte, hier würde ich mich wohl fühlen. Im Hostel angekommen freute ich mich, dass alles sauber und friedlich zu sein schien. Es gab sogar einen Pool und ich teilte ein Zweibettzimmer mit einer netten Asiatin, Naoko. Wir gingen zusammen ins Wasser und erzählten uns gegenseitig von unserem Aufenthalt in Australien. Nach zehn Minuten kamen zwei Männer, die im Hostel arbeiteten, und leisteten uns Gesellschaft. Zuerst freute ich mich, dass ich mit Einheimischen sprechen konnte, bis ich feststellte, dass sie ein wenig merkwürdig waren. Während der Unterhaltung flüsterte mir der Ältere von denen, der wie 60 aussah, aber behauptete, 36 zu sein, ins Ohr, dass er schon früher nach Vietnam geflogen wäre, wenn er gewusst hätte, dass dort hot chicks wie ich rumlaufen würden. Er erkundigte sich zudem, ob ich vor hätte, hier einen Mann zu suchen und teilte mir augenzwinkernd mit, dass er noch zu haben sei. Den Rest des Tages sah ich ihn, egal wo ich mich im Hostel befand. Jedes Mal, wenn ich ihn entdeckte, drehte er sich um und tat so, als hätte er mich nicht gesehen. Der Jüngere lief mir aber offensichtlich hinterher, selbst wenn ich mich im Bad fertig machte. Er stand immer einen Meter vor mir, beobachtete mich und machte Kommentare wie, dass er sich ärgerte, kein Mädchen zu sein, weil er sonst auch Make-Up benutzen könnte. Selbst wenn ich mich in mein Zimmer einsperrte, klopfte er und wollte herein, mit der Begründung, putzen zu müssen. Irgendwann sah ich ihn plötzlich auf Naokos Bett mit dem Laptop und rastete aus. Ich schickte ihn in sein Zimmer, woraufhin er vor Angst bleich wurde und weg rannte. Seitdem rannte er immer gleich weg, wenn er mich sah. Eines Abends kam ich ins Hostel, er saß vor der Tür. Als er mich erblickte, rannte er los. Er rannte auf die Straße, zurück und wieder auf die Straße, beide Hände gen Himmel gestreckt und schrie: „Oh nein, nein, oh nein“.

An meinem ersten Abend ging ich mit Naoko essen und sie lud einen Mann ein, den sie über Couchsurfing kennengelernt hatte. Er fragte mich über mein Leben aus und als er erfuhr, dass ich 29 und kinderlos war, wurde er sehr ernst und teilte mir mit, dass Frauen wie ich nicht seinen Respekt hätten. Seiner Meinung nach verschwendete ich das Gottesgeschenk namens Gebärmutter und beleidigte damit die Natur. Was ich dazu zu sagen hatte, wollte er nicht wissen, es sei ja immer nur dasselbe mit Frauen wie mir. Als Naoko sich endlich von ihm losgerissen hatte, gingen wir in einen Club namens Gilligan’s. Es war der beste Part des Abends und ich beschloss, Cairns eine Chance zu geben.

Am nächsten Tag fuhr ich zu Palm Cove. Es war ein wunderschöner, ruhiger Strand und so beschloss ich, ins Wasser zu gehen. Ich hätte nicht gedacht, dass darin auch Krokodile und Quallen verweilten. Das Warnschild sah ich zu spät. Nachdem ich mich aber doch unbeschädigt vor den nicht anwesenden Feinden gerettet hatte, ging ich auf eine Wiese und stieß dabei auf eine Aborigines-Familie, die gerade picknickte. Wir kamen ins Gespräch und der Vater fragte mich, ob ich Wallabys sehen wollte. Ich wusste nicht, was Wallabys waren, sagte aber trotzdem ja und so beschrieb er mir den Weg zu den mysteriösen Wesen. Ich ging über eine Stunde und kam an einer süßen, bewohnten Straße an, wo ein sehr tough wirkender Mann vor seiner Garage saß und Justin Bieber hörte. Ich ging auf ihn zu und fragte nach den Wallabys. Als er mich sah, lächelte er wie ein Kind beim Anblick von Süßigkeiten und wirkte plötzlich ganz niedlich. Er brachte mich zu einer kleinen Wiese und ging dann wieder zurück. Ich stand blödsinnig in der grillenden Sonne herum und wusste nicht, wo ich hinsehen sollte. Plötzlich sprang ein Vogel aus dem Nichts auf meine Schulter und machte auch keine Anstalten, weiter zu fliegen. Ich fing an zu rennen, um ihn loszuwerden. Nach etwa zweihundert Metern sah ich eine Herde von Wallabys, die auf der Wiese chillten. Als unsere Blicke sich trafen, liefen sie weg, drehten sich aber wieder um und blieben dann stehen. Ich kam langsam näher, mit dem Vogel auf meiner Schulter und machte Fotos. Erst beobachteten die Wallabys jede meine Bewegungen, nach einer Weile kümmerte es sie aber nicht mehr.

Bevor ich plante, nach Australien zu reisen, träumte ich davon, Korallenriffe zu sehen. Mein Traum wurde am dritten Tag in Cairns wahr, als ich im Great Barrier Reef schnorcheln ging. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt von dem Anblick der Natur so fasziniert war. Ich versuchte, die Gelb- und Blautöne der Korallen zu zählen, musste aber mehrmals aufgeben, weil meine Gedanken von meinen Gefühlen überwältigt wurden.

Am Tag danach machte ich eine Tour durch den Regenwald und eine Art Dschungel. Ich sah fremde Pflanzen, exotische Insekten, lustige Vögel, Babykrokodile, Koalabären und aß Ameisen. Am Abend kehrte ich zurück ins Hostel und kam nicht in mein Zimmer herein, weil ich meinen Schlüssel nicht dabei hatte. Ich ging in den Garten und erzählte von meiner Situation. Jemand erkundigte sich nach meiner Zimmernummer und ich nannte ihm die 9. Es kam ein Junge angelaufen, mit einem nach vorne gestreckten Arm und einen Schlüssel in der Hand. Er teilte mir mit, dass er mein neuer Mitbewohner sei. Ich ging ins Zimmer, ohne ihm Weiteres zu sagen. Später fiel mir ein, dass ich mich unhöflich verhalten hatte. Irgendwann in der Nacht wachte ich auf, weil jemand lauthals lachte. Ich sah mich verärgert im Zimmer um und erblickte meinen Mitbewohner, wie er vor einem Buch lag und sich vor Lachen kugelte. Ich konnte nicht anders, als mitzulachen und so kamen wir ins Gespräch. Richard, so war sein Name, verlor an diesem Tag seinen Job und kam ins Hostel, um von hier aus einen neuen Job zu suchen. Er kam aus England und war eigentlich Photograph, zurückhaltend und sehr sympathisch.

In Cairns gab es mitten im Zentrum auf der Promenade einen Swimmingpool, der für jeden kostenfrei benutzbar war. Ich kam jeden Tag dorthin, um den Anblick des Sees, der Berge und des Hafens vom Pool aus zu genießen. An einem Tag ging ich nach dem Poolbesuch in das nahe liegende Café und bestellte eine Portion Tiramisu. Nach zwei Stunden stand ich auf und ging verträumt in einen Souvenirshop. Ich kaufte ein Armband, um mich später an Cairns zu erinnern. Beim Bezahlen kam mir ein beunruhigender Gedanke. Ich hatte für das Tiramisu nicht bezahlt! Ich kam mir kriminell vor, lief schnell zurück und schildete dem Kellner die Situation. Er lachte und lobte mich für meine Ehrlichkeit. Als Belohnung schenkte er mir eine Macaron. Noch nie hatte mir eine Macaron besser geschmeckt.

Abends sehnte ich mich nach etwas Kultur und ging zu einer Aborigines-Show. Als Begrüßung wurde mir Farben ins Gesicht aufgetragen. Dann folgte eine aufregende, lustige, schöne Show mit Musik, Tanzen, Lagerfeuer und einem tollen Dinner. Auf dem Weg zurück fühlte ich die absolute Freiheit, die Freude und das Glück. Mit diesen Gefühlen ging ich ins Bett und träumte von Zuhause.

Am sechsten Tag traf ich Arian aus Berlin und wollte mit ihm, Naoko und Richard in einen Club gehen. Davor tranken wir aber Wein und Gin Tonic im Garten, bis ich völlig schläfrig war und am liebsten ins Bett gegangen wäre. Irgendwann konnten wir endlich aufstehen, kamen aber nie im Club an. Richard ging unterwegs verloren, Naoko war mit Telefonieren beschäftigt, Arian schlug auf Straßenschilder ein und ich machte das, was mich im betrunkenen Zustand am glücklichsten machte: Pizza kaufen und essen. Als wir plötzlich vor Gilligan’s landeten, wollte ich nach Hause. Ich lief den ganzen Weg zurück und fand Richard schnarchend im Hostel liegen. Dabei hatte er doch seinen Schlüssel verloren. Er war tatsächlich durch das Fenster ins Zimmer geklettert.

Am nächsten Tag checkte Richard früh aus und ich kämpfte mit den Kopfschmerzen, während das Möchtegern-Mädchen vom Hostel an der Tür stand und sich über mich lustig machte. Ich scheuchte ihn wieder weg. Als das Licht aus- und die Tür zu ging, fühlte ich mich plötzlich merkwürdig. Zu den 23 Gefühlen kamen noch ein paar mehr und eins davon war Heimweh. Ich dachte an Berlin und wünschte, die Erde falten, an der Zeit drehen oder mich beamen zu können. Weil ich alle das nicht konnte, versank ich in Melancholie, bis sie unerträglich wurde.

Gegen Nachmittag hatte ich mich sowohl vom Kater als auch von der Melancholie erholt. Ich lernte ein paar mehr Leute kennen, aß Burritos und lachte mit Arian über die vergangene Nacht. Dann ging ich ins Bett.

Bei meiner Abreise regnete es. Was auch sonst? Ich konnte mich an keinen trockenen Tag erinnern, wenn ich irgendwohin fuhr. Wenn ich nicht anders wüsste, würde ich sagen, dass der Himmel weinte, weil ich Cairns verließ. Aber besser der Himmel als ich, denn Tränen sind das Letzte, was man beim Reisen brauchte. Es kam das ganze Hostel-Personal, um sich von little Thao zu verabschieden und gemeinsam mit mir Selfies zu machen. Irgendwie waren sie doch sympathisch. Irgendwie würde ich dieses kleine, verrückte Hostel doch vermissen. Irgendwie möchte ich eines Tages wieder zurückkommen. Aber erstmal wartete etwas Aufregendes auf mich in Melbourne.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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