Der Weg nach Sydney

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Ich bin in Australien und kann es irgendwie nicht glauben. Noch vor einer Woche war ich in Berlin, voller Aufregung und Sorgen. Jetzt liege ich am Coogee Beach, beobachte die Möwen am blauen Himmel und lausche dem Rhythmus der Wellen. Die Menschen hier sind freundlich und entspannt. Sydney ist cool. Sydney ist süß.

Vor meiner Abreise trank ich am Flughafen Tegel noch den letzten deutschen Kakao, dann stieg ich in den Flieger, von dem sich jedoch herausgestellt wurde, dass er nicht sofort abheben konnte, da eine der Klimaanlagen kaputt war. Als die Durchsage kam, fühlte ich mich mulmig und wurde unruhig. Neben mir saß zum Glück ein älterer Herr, der genau wusste, wie man jungen Menschen Mut machte: mit Alkohol. Als der Steward kam, bestellte er einen Tomatensaft mit Gin und versicherte, dass das Getränk hervorragend schmeckte. Ich bestellte mir dasselbe Getränk, obwohl der Steward uns suspekt ansah und lachte. Wir tranken, lachten und erzählten einander von unserem Leben. Später bestellten wir noch mehr Tomatensaft mit Gin, Bloody Mary und Gin Tonic. Nach sechs Stunden Flug wuchs er mir ans Herz und der Abschied fiel mir etwas schwer.

In Abu Dhabi hatte ich wegen der Verspätung nur noch eine halbe Stunde, um meinen Anschlussflug zu erwischen. Um kein Risiko einzugehen, rannte ich, als ginge es um Leben und Tod. Als ich am Gate ankam, sah ich erschöpfte, gelangweilte Menschen, die auf das Boarding warteten, welches immer noch nicht angefangen hatte. Ich stützte mich keuchend auf die Theke, auf der meine Tasche durchgecheckt wurde. Es war alles doch noch gut gegangen.

Im Flugzeug saß ich neben einer indischen Frau, die sehr freundlich, aber ruhig war. Sie zeigte mir die Filme, die sie auf dem Flug nach Abu Dhabi angesehen hatte. Ich schaltete den Fernseher ebenfalls an und entspannte mich mit Vacation. Irgendwann kam eine Stewardess und fragte mich, ob ich Spezialessen bestellt hatte. Ich bejahte, da ich bei der Buchung angegeben hatte, laktoseintolerant zu sein. Unter laktosefrei verstand die Fluggesellschaft offensichtlich etwas anderes, denn ich bekam ein vegetarisches Essen mit Käse und Milch. Ich aß es trotzdem. Ungefähr eine Stunde später bekamen die „normalen“ Esser auch ihre Mahlzeit. Ohne Käse und Milch.

Dann war ich nach ca. 11 Stunden in Perth. Am Flughafen musste ich einen Zettel abgeben, auf dem stand, was ich in Australien vorhatte und was ich in das Land einführte. Es kam sogar ein niedlicher Hund, der an mir und meinem Gepäck schnüffelte. Nach dem ich mich für meinen weiteren Flug nach Sydney eingecheckt hatte, verließ ich den Flughafen und sah zum ersten Mal den australischen Himmel. Ich fuhr mit dem Bus an den kleinen Häusern vorbei in die Innenstadt. Ich sah mir die Einkaufspassagen und den Hafen an, genoss ein internationales Musik-Festival beim Sonnenuntergang. Zwischen dem vierten und siebten Song verlor ich mein Herz.

Als ich den Flug nach Sydney antrat, war ich bereits seit über 30 Stunden wach. Kaum hob das Flugzeug ab, fiel ich schon in den Schlaf. Plötzlich schreckte ich auf, weil jemand auf meine Schulter klopfte. Ich drehte mich um und blickte in ein Gesicht, das noch verwirrter aussah als meines. Das Gesicht fragte mich, wo ich herkomme. Von Müdigkeit und Erstaunen überwältigt, starrte ich den Mann nur an, dem das Gesicht gehörte.

„Ich bin aus Nigeria. Und woher kommst du?“, wiederholte der Mann seine Frage.

„Aus Deutschland“, antwortete ich mit halb geschlossenen Augen.

„Oh Deutschland ist schön. Mein Bruder wohnt in Stuttgart.“, freute sich der Mann.

Ich nickte und drehte mich zum Schlafen wieder um.

„Hast du Angst vor mir?“, fragte mich der Mann, nach dem er mir wieder auf die Schulter geklopft hatte. Ich verneinte und er erzählte, dass alle Leute Angst vor ihm hatten, egal wohin er ging. Es tat mir leid und ich drehte mich endgültig um, um ihm zuzuhören. Er erzählte mir von seinem früheren Job als Architekt, den er verlor, weil er einem bestimmten Stamm angehörte, von seiner Leidenschaft als Musiker und Songwriter, von seinem Land. Plötzlich fragte er mich, ob ich verheiratet sei. Ich verneinte, er aber erzählte von seiner Frau und seinem zwei Monate alten Sohn, die noch in Nigeria lebten. Seine Stimme wurde sanft und seine Augen senkten sich, als er sagte, dass er sie bereits vermisste. Ich war gerührt und traurig zugleich. Ich suchte nach Worten, um ihn zu trösten, fand sie aber nicht. Während des 9-stündigen Fluges hörte ich ihm zu, wie er von der traurigen Seite seines Landes erzählte, von den korrupten Politiker. Als wir über Sydney flogen, sah er herunter und sagte:

„Siehst du das wunderschöne Licht? Sydney ist so hell. In Nigeria gibt es kein Licht. Überall herrscht Dunkelheit.“

Am Flughafen verabschiedete ich mich von ihm und versprach, dass ich ihn in Canberra besuchen würde. Dann ging ich durch die Tür und wurde von einem warmen Wind gestreichelt. Der Wind hatte einen bittersüßen Geschmack.

Nachdem ich am Flughafen duschte, fuhr ich mit dem Bus in die Innenstadt. In einem EzyMart kaufte ich eine australische Simkarte und einen Adapter für die Steckdose. Der Verkäufer, der mal in Bremen gelebt hatte, erkannte mich als Deutsche und ließ mich mein Handy aufladen. Wir unterhielten uns stundenlang, bis sein Chef kam und es für mich Zeit war, zu meinem Couchsurfing-Host zu gehen. Ich verabschiedete mich und ging mit Optimismus zu meinem Gastgeber.

Auf dem Weg musste ich mein Gepäck berghoch schieben. Ich musste dabei sehr angestrengt ausgesehen haben, denn ein Surferboy lief zu mir und bat mir seine Hilfe an, welche ich annahm. Er trug das Gepäck sogar zum Aufzug und lief wieder weg. Ich fuhr hoch und dachte auf der kurzen Fahrt darüber nach, wie mein erstes Mal Couchsurfen wohl sein würde.

Eigentlich wohnte ein Pärchen in dem Apartment, aber da es mitten am Tag war und die Frau arbeiten musste, konnte mich nur der Mann empfangen. Er war nett und zuvorkommend, und innerhalb einer Stunde waren all meine Bedenken verflogen. Irgendwann bat er mir an, mich auszuruhen, da ich eine lange Reise hinter mir hatte. Ich freute mich, dass er meine Gedanken lesen konnte und nahm das Angebot an. Innerhalb weniger Minuten schlief ich ein.

Plötzlich spürte ich etwas an meinem Körper und tastete mit geschlossenen Augen danach. Mein Host hatte mich offensichtlich zugedeckt. Ich machte die Augen auf und sah sein Gesicht zehn Zentimeter über meinem. Ich wollte schreien, aber stattdessen sah ich ihn nur empört an. Er stand auf und lächelte.

„Du siehst so süß aus, wenn du schläfst“, sagte er und ging Richtung Bad. An der Tür blieb er stehen und grinste mich an. „Du bist zu attraktiv, um meine Freundin nicht zu betrügen.“

Ich saß da und konnte vor Entsetzen nicht klar denken. Instinktiv zog ich meine Schuhe an und ging zur Tür. Mein Host kam aus dem Bad und fragte, was ich vorhatte. Ich teilte ihm mit, dass ich ins Hostel gehe und wünschte ihm alles Gute. Er rief mir noch nach, dass heute seine Verwandten kommen würden und ich sowieso nicht hätte bleiben können. Ich drückte auf den Knopf und lud meine Sachen in den Aufzug. Ich ging den langen Weg zurück zum Bus. Diesmal kam mir kein Surferboy zur Hilfe. Aber diesmal ging ich bergab und hatte Rückenwind. Bis ich in den Bus stieg, hatte ich nur einen Gedanken im Kopf: „Zum Glück ist nichts passiert.“ Zum Glück war nichts passiert.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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