Abschied von Berlin

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Noch ein letztes Mal mit der Berliner U-bahn fahren und in die fremden Gesichter blicken, die nicht ahnen, dass sie das Vergnügen haben, diesen besonderen Augenblick mit mir zu teilen. Ein Augenblick zwischen Angst und Freude, zwischen Glückseligkeit und Schwermut, zwischen Neugierde und Verlustangst, zwischen Willkommen und Abschied.

Ich könnte Goethe zitieren, oder Saint-Exupéry oder Nafisi oder andere Autoren, die großartige Zeilen über Abschied verfasst haben. Aber sie können dir nicht gerecht werden, weil sie mich nicht kennen. Sie sehen dich nicht mit meinen Augen. Und ihre Herzen schlagen nicht in meinem Rhythmus. Sie wissen nicht, was ich für dich empfinde. Berlin, du ahnst nicht, wie viele gemischten Gefühle du in mir geweckt hast. Gerade die letzten Tage spüre ich, dass du mit aller Kraft versucht hast, mich festzuhalten, mich zu quälen, mich dazu zu zwingen, mich an dich zu erinnern. Aber zwischen allen Schwierigkeiten, die du mir bereitet hast, sehe ich deutlich deine Liebe. Und diese Liebe beruht auf Gegenseitigkeit. Du hast mir schließlich die Hand gereicht und ich habe dich in mein Herz geschlossen.

Ich werde mich an dich erinnern. Daran, dass ich mich in meiner ersten Zeit ständig verfahren und verlaufen habe. Jetzt immer noch. Daran, wie ich jedes Wochenende dachte, dass ich jetzt dies und jenes ausprobieren muss, weil ich ja hier lebe. Daran, wie ich am Anfang Freundschaften auf der Straße und in öffentlichen Verkehrsmitteln geschlossen habe und mit Fremden auf Homepartys gegangen bin. Daran, wie wütend ich jedes mal wurde, als die Leute mich angerempelt oder mir im Weg gestanden haben.

Ich werde mich an die Menschen erinnern, die du in mein Leben gebracht hast. All‘ diese Menschen, die mein Leben lebenswerter machen.

Ich werde mich daran erinnern, dass du mir das wahre Berliner Leben gezeigt hast, Philipp. An unseren ersten Besuch im Soda Club, im Fritz Club, im Cassiopeia und im Rosi’s… Mit dir war ich auf der ersten Hochzeit meines Lebens. Durch dich lernte ich erst die tolle Audrey Hepburn kennen. Dass ausgerechnet du mich zum Flughafen fährst, macht Sinn. Jetzt schließt sich der Kreis.

Ich werde mich an unsere Zeit an der TU erinnern, Daniel S. Wie wir uns über die Tutoren aufgeregt haben, wie wir jedes mal Serien schauten, wenn wir uns zum Lernen verabredet haben, wie ich dich immer verwirrt habe, weil ich aus meinem Lachflash nicht mehr heraus gekommen bin. Und wie wir bei diesem Chinesen am Zoo Nudeln aßen, die total versalzen waren.

Ich werde mich an dich erinnern, auch wenn du vor mir Berlin verlassen hast, Daniel D. Mit dir habe ich die meisten Erinnerungen in Berlin, schöne und traurige, lustige und ärgerliche. Ich werde mich an unser erstes Fußball-Date erinnern, an unsere WM- und EM-Partys. Daran, dass ich auf dem letzten Karneval der Kulturen zu viel getrunken habe und dringend aufs Klo musste und du fast jeden Menschen angesprochen und gefragt hast, ob ich bei ihnen das Bad benutzen dürfe. Ich werde mich an unsere Dachterrassenerlebnisse erinnern, an das Holi-Festival, zu dem ich dich erst stundenlang überreden musste, an unsere Schlauchbootfahrt am Weißensee und an noch viel mehr.

Ich werde mich daran erinnern, wie ich dich das erste mal vor dem Waschbecken im Cookies getroffen habe, Selina. Damals dachte ich fälschlicherweise, dass du arrogant sein könntest. Aber spätestens beim Burger im Hans im Glück habe ich erkannt, dass du ein wundervoller und einmaliger Mensch bist, und ich bin stolz, dich meine beste Freundin nennen zu dürfen. Ich werde auf meinem großen Abenteuer unsere Yoda-Kette tragen und an dich denken, an unsere unglaublich tiefen Gespräche, an unsere Shopping-Touren, an deine Ratschläge und daran, wie gut das tut, dass du mir immer zuhörst.

Ich werde mich an dich erinnern, Alicja. Das muss Schicksal sein, so viel gemeinsam können sonst zwei Menschen nicht haben. Wir erleben immer das Gleiche, wir werden sogar zusammen krank, jedes mal! Wie geht das? Ich werde jedes mal an dich denken, wenn ich Whiskey Sour trinke, wenn ich Schwefelhölzer in der Hand halte, wenn ich kaltes Essen esse – du denkst dabei ja auch jedes mal an mich.

Ich werde mich daran erinnern, wie ich dich an meinem ersten Tag an der Uni Potsdam kennengelernt habe, Joyce. Ich stand vor der Tür und du kamst auf mich zu, mit dem süßesten Grinsen im Gesicht, das ich je gesehen habe. Da habe ich bereits beschlossen, dass wir Freunde werden. Ich werde mich an unsere Lachanfälle erinnern, daran, wie vertieft ich immer in unsere Gespräche war, dass ich mindestens einmal am Tag gegen die Wand, die Tür oder gegen Menschen gestoßen bin – so sehr faszinierst du mich!

Ich werde mich an dich erinnern, Alex, an unser Gespräch im Anna Blume, das mich tief berührt und mir gezeigt hat, wie real du bist und wie toll ich dich finde. Ich werde mich daran erinnern, dass ich letztes Jahr mit dir meinen einzigen Weihnachtsmarkt-Besuch hatte – der Gendarmenmarkt ist viel interessanter, wenn man nicht arbeiten muss. Und daran werde ich mich erinnern, dass der Kellner von Sausalitos die ganze Zeit versucht hat, mit uns zu flirten. So ist das, wenn man mit einer Schönheit wie dir unterwegs ist!

Ich werde mich an dich erinnern, Basti. Daran, wie wir für Homeland so tun mussten, als würden wir uns unterhalten. Stattdessen zählten wir einfach von 1 bis 1000 und ließen dabei ganz viele Zahlen aus. Mit dir ist das immer so schön, übers daten zu reden. Mit dir ist es immer so schön zu lachen. Und ich fand das so süß, als du den Leuten beim Filmmacher-Stammtisch klar machen wolltest, dass wir KEIN PÄRCHEN sind. Aber dafür sind wir super tolle Freunde.

Ich werde mich an dich erinnern, Yana. Du bist die ehrlichste und mutigste Person, die ich kenne. Bei dir habe ich das Gefühl, dich schon sehr lange zu kennen. Ich werde die Zugfahrten mit dir und unsere Diskussionen vermissen. Danke, dass du mit mir das Genderseminar sowie alle anderen Seminaren gemacht hast. Danke für die Einladung zum Schwänzen, für die Mensasitzungen, die immer zu lang dauerten, dass wir immer zu spät kamen. Danke für deine tolle Freundschaft.

Ich werde mich an dich erinnern, Max, an unsere Unterhaltung im Adagio, an die Dalí Ausstellung, in der ich dir immer etwas über die Bilder erzählen sollte, was ich aber nicht konnte. Ich werde nicht vergessen, dass du deine Lernzeit für mich geopfert hast. Und ich werde mich daran erinnern, dass du meinen fetten, mittelmäßigen Auflauf gegessen hast, ohne mich verurteilt zu haben.

Ich werde mich an dich erinnern, Tam, meine süße, zickige, liebe, böse, tolle, anstrengende, beste Schwester! Du bist immer da und kennst fast jedes meiner Berlin-Erlebnisse. Ich werde mich daran erinnern, wie wir so oft ins Ringcenter gegangen sind und ich so oft betont habe, nichts kaufen zu wollen und du jedes mal gesagt hast, dass das bestimmt ok sei, sich mal etwas zu gönnen. Ich habe dann deinem Rat befolgt und mir sehr oft etwas gegönnt. Ich werde mich an unsere Kinobesuche erinnern, an die Filme, die uns manchmal in den Schlaf gewogen haben. Ich werde mich an unseren Inder erinnern und daran, wie gern wir zusammen Selfies machen. Ich werde mich an die Cupcakes erinnern, an das Eis, an den Spielplatz, an deine Besuche, an die tausend Filme, die wir zusammen gesehen haben. Ich werde dich vermissen und traurig sein, dass ich die nächsten Monate nicht an deinem Leben teilhaben kann. Aber wenn ich erstmal zurück bin….

Das ist das, was ich dir verspreche, dass ich zurück komme und dich mich in deine Arme schließen lasse. Berlin, all‘ das bist du für mich. All‘ diese wundervollen Menschen, die wundervollen Erlebnisse, die wundervollen Augenblicke. Ich werde zurück kommen und dich neu erleben, mich erneut in dich verlieben und mich trotzdem nach dir sehnen, mit jedem Schlag meines Herzens.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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