Unter den Lampions

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„Komm schon rein! Worauf wartest du noch?“

Ich stand vor der Tür. Die Kälte war mittlerweile bis zu meinen Knien hochgekrochen. Meine Gedanken waren bei einem Sommer hängengeblieben, in dem ich zum letzten Mal das Gefühl der absoluten Sorglosigkeit empfunden hatte. An einem Abend liefen wir barfuß zu unserer Strandbar. Der Sand sank unter unseren Füßen und die bunten Lampions spiegelten sich in deinen leuchtenden Augen. Deine braunen, langen Haare wehten in dem warmen Sommerwind und du lachtest aus vollem Halse. Dein Gesicht strahlte und ich dachte, darin das Gesicht des Glückes gesehen zu haben. Ich lief hinter dir her, gefolgt von der Freude der Jugend und dem Gefühl, unsterblich zu sein. Damals dachte ich, unsere Freundschaft würde nie enden.

„Komm schon rein! Worauf wartest du noch?“

Deine Stimme holte mich zurück in die Gegenwart. Du standest am Eingang des Cafés Anna Blume, hieltest die Tür auf und wartetest auf mich. In deinem Gesicht wog eine leichte Verärgerung. Deine Augen funkelten wie Eiskristalle, oder war das bloß die Reflexion des Schnees? Wie sechs Jahre einen Menschen veränderten! Wie sechs Jahre die Sicht auf einen Menschen veränderten! Sechs Jahre, in denen wir uns nicht sahen, nicht sprachen. Plötzlich fragte ich mich, was damals passiert sei. Ich war nach Berlin gezogen, dann hörten wir auf, uns wichtig zu sein.

Im Café reichte man uns eine Getränkekarte und darin befand sich ein Gedicht von Kurt Schwitters. An Anna Blume. „Weißt du es Anna, weißt du es schon, man kann dich auch von hinten lesen.“ Wir lachten darüber. Zum ersten Mal lachten wir gemeinsam und sahen uns in die Augen. Und ich fragte mich, ob man Freundschaft auch von hinten lesen könne. Ob wir von hier starten und zu damals zurück gehen können.

„Erinnerst du dich noch daran?“, fragtest du mich und zeigtest mir ein Foto, auf dem wir unter einem Himmel aus Lampions standen. Wie glücklich wir lächelten. Plötzlich sah ich es wieder in deinen Augen. Das Strahlen, die Wärme, etwas Vertrautes in dem mir fremd gewordenen Gesicht. Können wir dahin zurück?

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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