Das Mädchen und der Trinker

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„Warum riecht er so komisch?“

„Psst! Nicht so laut, Mia!“

„Warum nicht?“

„Weil er schläft. Du weckst ihn noch auf.“

Er liegt auf einem Zweisitzer in dem vollen Zug Richtung Magdeburg. In Berlin steigen Mia und ihre Mutter ein und setzen sich auf die Plätze ihm gegenüber. Das kleine Mädchen starrt unentweg auf den laut schnarchenden Mann, der mit angewinkelten Knie und gefalteten Händen auf der Seite liegt.

Am Bahnhof Zoo wird der Zug noch voller. Ein Mann steigt ein und weckt den Schlafenden auf, weil er den zweiten Platz für sich beanspruchen will. Kommentarlos setzt sich der „komisch riechende Mann“ auf und überlässt dem Neuankömmling den äußeren Sitz. Mia verfolgt das Geschehen interessiert und als sie den Blick des müden Mannes bemerkt, grüßt sie ihn mit einem Lächeln.

„Hallo!“

„Hallo“, antwortet der Mann, ebenfalls lächelnd.

„Bist du krank?“

„Mia!“, ruft die Mutter entsetzt.

„Das kann man wohl sagen“, lächelt der Mann, erst der Mutter, dann Mia zu.

„Was hast du?“, fragt Mia weiter, von seiner Freundlichkeit ermutigt.

„Kopfschmerzen, Übelkeit, das Übliche eben.“

„Warum gehst du nicht zum Arzt?“

„Ach, der kann mir auch nicht helfen, meine Liebe!“

Dann fällt Mia ein, dass sie ursprünglich eine ganz andere Frage hat.

„Warum riechst du so komisch?“

„Mia! Das fragt man nicht!“ schimpft die Mutter.

Der Mann haucht die Innenfläche seiner rechten Hand an, verzieht sein Gesicht und sagte zu der Mutter:

„Da hat sie aber Recht!“ zu Mia geneigt flüstert er:

„Das ist Bier, Kleine.“

„Ich habe noch nie Bier getrunken“, lächelt Mia, auf den Boden blickend.

„Das ist auch nichts für dich.“

„Das ist auch nichts für dich!“, lacht Mia amüsiert.

„Du hast wahrscheinlich Recht.“

„Wo fährst du hin?“ wechselt Mia das Thema.

„Nach Potsdam.“

„Warum?“

„Ich wohne da.“

„Hast du zu Hause Kinder?“

„Mia, sei bitte nicht so neugierig!“ greift die Mutter wieder ein, die die Unterhaltung mit ihrem Blick verfolgt.

„Nein, ich habe keine Kinder.“

„Warum nicht?“

„Jetzt reicht es aber, Mia. Warum hörst du nicht auf mich?“

„Ist schon gut. Sie haben ein aufgewecktes Mädchen.“ beruhigt der Mann die Mutter. „Ich hatte früher eine Tochter, jetzt leider nicht mehr.“

Jetzt wird es leise im Zug. Nur Mia stellt weiter ihre Frage.

„Warum denn?“

„Sie wurde krank, jetzt ist sie im Himmel.“

Zum ersten Mal ist auch Mia sprachlos. Sie scheint gut zu verstehen, was das bedeutet, wenn jemand im Himmel ist. Sie sieht abwechselnd den Mann, den Boden und ihre Mutter traurig an. Auch die Mutter starrt den Mann geschockt und mitleidig an, ohne das richtige Wort zu finden. Sie nimmt Mia in den Arm, aus deren Augen zwei Tränen rollen. Das Mädchen kuschelt sich an sie, ohne seinen Blick von dem Fremden zu wenden.

„Es tut mir leid, dass ich dich zum Weinen gebracht habe.“

„Schon ok.“, antwortet das Mädchen und schaut auf den Bauch ihrer Mutter.

„Ich muss jetzt aussteigen. Machs gut, Mia!“

„Machs gut.“

Dann steht er auf und lässt ein betroffenes Abteil zurück. Niemand wagt es, auch nur leise zu atmen. Plötzlich zerreißt eine Stimme die Stille: „Potsdam Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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