Begegnungen

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„Du siehst aus wie ein Strichmännchen. Dein Kopf ist riesengroß und dein Körper ist so klein. Das ist so lustig! Hahaha.“ So sprach mich ein Junge in der S-Bahn an, nachdem er mich eine Weile von oben bis unten gemustert hatte. Er war ungefähr 17, trug ein schwarzes Käppi mit einem roten Aufdruck, weite Jeans und ein weißes T-Shirt. Er sah aus wie einer von den coolen Jungs von heute. Es war ein heißer Sommertag und ich hatte ein enges, kurzes Kleid an. Meine Haare wurden zu Locken gedreht und waren deshalb ein wenig voluminös. Ich war erst einige Tage zuvor nach Berlin gezogen und hatte keine Ahnung, dass man hier so von fremden Menschen angesprochen wird.

Mittlerweile sind bereits sechseinhalb Jahre vergangen und Berlin wurde mein Zuhause. Die Begegnung mit dem Käppi-Jungen wurde eine meiner Lieblingsanekdoten. Ich weiß bis jetzt nicht, ob er mich mit seinem Spruch an- oder niedermachen wollte, aber wer weiß es schon? Das ist nebensächlich. In Berlin ist fast jede Bemerkung nebensächlich. Aber jede Begegnung ist bedeutungsvoll.

Letztes Jahr zu Weihnachtszeit traf ich eine Frau, die mich noch lange beschäftigte, nachdem wir auseinander gingen. Sie kam auf der Straße auf mich zu, ihre grauen Haare flogen im Wind und verdeckten ihr Gesicht. Sie sah aus, als käme sie direkt aus einem Märchen. Als sie sprach, verstärkte sich dieser Eindruck. Ihre Stimme war hell und dünn, sie klang fast unwirklich, wie ein leises Echo. Wir redeten über Weihnachten, über Silvester, über unsere Familien und unser Leben. Dann vertraute sie mir an, dass sie sich einsam fühlte. „Und das mit 68!“ Sie sagte es, als wäre es etwas Ungewöhnliches, sich mit 68 einsam zu fühlen. Es fiel mir nicht ein zu fragen, ob dieses Alter ihrer Meinung nach zu jung oder zu alt sei für die Einsamkeit. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, nehme ich an, dass sie wohl meinte, dass dieses Gefühl für Menschen in ihrem Alter besonders schlimm sei. Während sie sprach, beobachtete ich ihre Haltung und ihren Gesichtsausdruck. Sie sprach mit Leichtigkeit, ihr mattes Lächeln war zu keinem Zeitpunkt erloschen, sie stand gerade und blickte mir direkt in die Augen. Ich hatte das Gefühl, dass sie mir irgendetwas sagen wollte, etwas Unausgesprochenes. Etwas, das mit mir zu tun hatte. Vielleicht ein Rat. Ich erfuhr es nie. Vielleicht habe ich auch zu viel hinein interpretiert. Dann kam meine Bahn und sie ging weg. Ich sah nur noch ihren Rücken, der immer kleiner wurde. Als ich abbog, flanierte sie immer noch in der dunklen, stark windigen Straße.

Diese Ereignisse fielen mir ein, als ich kürzlich einen Mann Anfang Dreißig traf. Ich sah ihn etwas auf seinen Zeichenblock kritzeln und spähte neugierig darauf. Er malte fliegende Strichmännchen, die vom Winde verweht zu sein schienen. Es waren viele, aber keins gehörte zum anderen. Aus ihren Gesichtern tropften Tränen. Vielleicht vor Einsamkeit?

Für einen kurzen Moment dachte ich, dass zwischen dem Jungen, der alten Frau und dem Zeichner eine Verbindung bestehen müsste, bis mir klar wurde, dass ich diese Verbindung bin. Jeder von ihnen ist ein winzig kleines Teil in meinem Leben. Schließlich ist das Leben ein Puzzle aus Begegnungen und am Ende ergibt alles einen Sinn.

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Autor: metropolenherz

Ich bin Thao Tran - Studentin, Reisende, Kunst- und Literaturliebhaberin. Ich freue mich über deinen Besuch.

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